WIE MAN SICH GLÜCKLICH engagiert

Ein Portrait über die Stadtteilkundschafterin Rebecca Radmacher

Berührt, wach, vielfältig und lernend sind einige der Begriffe, die das Zukunftsbild des Bistums beschreiben. Begrifflichkeiten, die auch zu der jungen Frau passen, wenn sie erzählt, was sie rund um ihre Arbeit bewegt.

Zuvorderst unterstreicht die studierte Sozialarbeiterin Rebecca Radmacher, mit ihrer Arbeit nichts Neues erfunden zu haben. Dennoch stellt sie eine Bereicherung für bestehende engagierte Gruppen dar, wenn sie diese in Kontakt bringt und Vernetzung initiiert. Viele wüssten in einer Großstadt wie Essen nicht voneinander oder um die Angebote der anderen. Mit ihrer Tätigkeit trägt sie dazu bei, dass die Kirche als Ansprechpartnerin im Stadtteil wahrgenommen wird – möglichst von einer großen Zahl unterschiedlicher Menschen, die sich auf ihre je eigene Weise informieren.

Stadtteilkundschafterin Rebecca Radmacher

Mit ihrem eigens entwickelten Veranstaltungsformat „Engagier dich glücklich“ hat sie knapp 300 Menschen die Möglichkeit gegeben, eigenes Engagement vorzustellen und das der anderen kennenzulernen.

„Guten Tag, ich möchte mich in der Kirche ehrenamtlich engagieren, was haben Sie für mich?“

Dieser Satz, der häufig von den Verantwortlichen in den Pfarreien herbeigesehnt wird, kann zugleich zur größtmöglichen Peinlichkeit werden. Einerseits klagen sehr viele Gruppen und Initiativen in den Gemeinden über fehlenden Nachwuchs, andererseits weiß niemand, wo neue Ehrenamtliche willkommen sind. Auf der einen Seite stehen kirchliche Gruppen, die dringend neue Ehrenamtliche brauchen, aber nur Neue akzeptieren, wenn die sich den oft Jahrzehnte alten Strukturen fraglos unterordnen. Auf der anderen Seite die Ehrenamtlichen, die sich engagieren wollen, aber in ihrer Lebenssituation und mit ihren je eigenen Fähigkeiten ernst genommen werden möchten. Zwei Seiten, die offensichtlich immer weiter auseinanderdriften und dringend nach einer Verbindung suchen.

Das Bistum Essen kennt die Thematik und hat Roman Blaut als Referent für ehrenamtliches Engagement eingesetzt. Er berät die Pfarreien zum Thema Ehrenamt und bietet Kurse zur Ehrenamtskoordination an. Ein Team aus der Pfarrei St. Gertrud hat an diesen Kursen teilgenommen und daraus das Projekt „Stadtteilkundschafter“ entwickelt:

 

„Wir brauchen eine Person, die das bestehende Ehrenamt wertschätzt, stärkt und fördert und neue Ehrenamtliche an die richtige Stelle vermittelt.“

 

Die Pfarrei St. Gertrud stellte einen Antrag beim Innovationsfonds des Bistum Essen, der gezielt kreative Aufbrüche fördert, auch wenn ein gewisses Wagnis damit verbunden ist. Das Bistum bewilligte den Antrag und seit Herbst 2016 gibt es die Stelle der „Stadtteilkundschafterin“, die seit Oktober 2017 von Rebecca Radmacher ausgefüllt wird.

 

Sie stellt die Verbindung zwischen den unterschiedlichen Gruppen, Initiativen, Themen und Strukturen innerhalb und außerhalb der Pfarrei her. Sie arbeitet innovativ, weiß aber auch um die Bedeutsamkeit von Traditionen. Die Kirche hat für viele Ältere immer noch einen hohen Stellenwert, der klassische Schaukasten, die halbjährliche Zeitschrift „Der Gertrudbote“ sollen nicht ausrangiert werden und bleiben wichtige Medien für manche Gemeindemitglieder. Viele werden darüber aber nicht mehr erreicht, Facebook und Instagram erhalten deshalb auch hier Einzug und sind wichtige Kommunikationsmittel geworden, die die Stadtteilkundschafterin in ihrer Arbeit einsetzt und mit denen sie auch junge Engagierte anspricht.

In ihrer Pfarrei hat sie über 200 aktive Ehrenamtliche in der Datenbank und steht mit vielen davon in stetigem Kontakt. Auch online werden die von ihr gepflegten Seiten häufig besucht. Mit ihrem eigens entwickelten Veranstaltungsformat „Engagier dich glücklich“ hat sie knapp 300 Menschen die Möglichkeit gegeben, eigenes Engagement vorzustellen und das der anderen kennenzulernen. Dass der Titel auf manche Ehrenamtliche im ersten Moment fast provozierend gewirkt hat – Ehrenamt bedeutet nicht zuletzt harte Arbeit, ist zeit- und energieraubend – hatte keinen negativen Einfluss, sondern hat bei den Beteiligten als Nebeneffekt auch dazu geführt, ihre Tätigkeiten zu reflektieren, zu diskutieren und Schlüsse zu ziehen, aus welchen Gründen man sich letztlich doch dafür entscheidet. Ein Paradigmenwechsel findet statt: Der Fokus liegt auf dem, was man gewinnt, und nicht auf dem, was man verliert. Mit anderen Institutionen im Stadtteil ist Rebecca Radmacher gut vernetzt und nutzt die Kooperationsstrukturen, um einen Überblick über Stadtteilgeschehnisse zu behalten. Diese wichtigen Kontakte bilden gleichsam den Rahmen für ihre Arbeit. Ein Problem sieht sie (ähnlich vieler Akteure, die sich rund um das Dorf engagieren) jedoch in der fast schon klassischen Projektfinanzierung. Diese führt im schlechtesten Fall zu Befürchtungen und Skepsis gegenüber neuen Projekten, denn sie bedingt eine hohe Fluktuation immer neuer Akteure im Stadtteil, die teilweise auch nach erfolgreichem Fuß-Fassen mit Ablauf der Projektlaufzeit wieder verschwinden (müssen). Das mache den regelmäßigen Austausch umso wichtiger, erzählt sie.

„Die Arbeit als Stadtteilkundschafterin bedeutet auch den Blick über den Tellerrand der Kirche hinaus.“

Neben ihrer fachlichen Expertise, die sich von der Bedeutsamkeit von Social Media und Modernisierungstendenzen des Ehrenamts über die Rahmenbedingungen ihrer Arbeit erstreckt, zeichnet sich Rebecca Radmacher aber vor allem durch Offenheit und Herzlichkeit aus. So gewinnen ihre Stimme und Züge Wärme und Lebendigkeit, wenn sie von den tatsächlichen Kontakten, den Menschen, mit denen sie tagtäglich arbeitet, spricht.

 

In ihrer Arbeit hat sie mit allen Gruppierungen, Religionen, Nationalitäten und Anliegen zu tun, die im Stadtteil und in der Pfarrei zu finden sind. Dies ist das Ergebnis der Öffnung der Kirche, die sie schätzt.

 

Um hierher zu kommen, muss man nichts nachweisen, eben auch keine bestimmte Religionszugehörigkeit.

Grundsätzlich haben die lebensweltlichen Gegebenheiten, die die Arbeit mit den überwiegend Ehrenamtlichen mit sich bringt, dabei Vorrang. Sie will ihre Tätigkeit nicht als einen Job verstehen, den sie nur von 9.00 bis 17.00 Uhr ausführt. Dafür ist ihr Respekt vor dem freiwilligen Engagement der Beteiligten und ihre Empathie gegenüber deren Lebenswirklichkeiten zu groß.

 

„Das geht für mich nicht, dass ich dann nicht mehr erreichbar bin. Es geht schließlich um Ehrenamt, also das, was die Leute in ihrer Freizeit freiwillig tun und wenn ich dann sage, ‚Sie müssen aber vormittags zu mir kommen, obwohl Sie einen Vollzeitjob haben, und dann müssen sie Formulare für ihr Ehrenamt ausfüllen und vielleicht noch ein Konzept vorher vortragen, bevor Sie hier überhaupt Räume nutzen können oder eine Aktion ausführen dürfen’, das ist dann auch für mich zu viel Bürokratie. Wenn ich in der Lage bin, das zu bestimmen, dann baue ich solche Hürden gar nicht erst auf.“

Rebecca Radmacher ist nahbar, das ist ihr wichtig. Kommunikationsformen passt sie den Gepflogenheiten und Anliegen der jeweiligen Menschen an:

 

„Ganz wichtig ist meine Handynummer. Das war mir vorher gar nicht so klar. Viele Leute wollen Kontakt aufnehmen, haben aber keine E-Mail und wagen nicht anzurufen. Aber bei WhatsApp, da ist die Hemmschwelle schon geringer und das merkt man sehr.“

Zu ihrer Professionalität gehört eine Haltung der Aufmerksamkeit, orientiert an den Anliegen der Menschen, die ebenso von Akzeptanz wie Menschlichkeit geprägt ist. Freundlichkeit und Sensibilität dafür, mit wem sie es zu tun hat, stehen bei ihr an erster Stelle:

 

„Wer ist mein Gegenüber, wie können wir am besten kommunizieren, wie spricht er mich an? Und dann versuche ich, mich auf die Kommunikation einzulassen und nicht meine eigenen Regeln umzusetzen. Für mich ist es Professionalität, mein Gegenüber als einzigartigen Menschen zu akzeptieren und ja, Freundlichkeit hat für mich dann auch sehr stark damit zu tun, dass ich denjenigen so annehme, wie er oder sie ist, und ich nicht von einer anderen Ebene aus agiere. Ich versuche, jede Frage ernst zu nehmen, zu beantworten und nicht zu sagen, dafür bin ich nicht zuständig oder gehen Sie zum nächsten oder schauen Sie in den Schaukasten.“

Das neue banner für den gertrudissaal

„Helfer“ und „Hilfe suchende“ haben es gemeinsam angebracht.

Mit einem guten Gefühl geht sie nach Hause, wenn sie Ratsuchende erfolgreich an eines der vielen Projekte vermitteln oder miteinander bekannt machen – sozusagen „Fragezeichen in den Köpfen der Leute auflösen“ konnte. Positiv beurteilt sie auch, dass sich die Rollen der Beteiligten in der Gemeinde vermischen. Es gibt immer weniger die Unterscheidung zwischen „Helfern“ und „Hilfe Suchenden“, in St. Gertrud begegnen sich die unterschiedlichsten Menschen, die gemeinsam versuchen, die Unwägbarkeiten des Alltags zu meistern.

 

Nicht nur engagieren macht glücklich – Zufriedenheit kann auch in der Begleitung der Engagierten liegen. Wenn diese Rebecca Radmacher signalisieren, dass sie als wichtige Ansprechpartnerin und Multiplikatorin wahrgenommen wird, hat sie ein wesentliches Ziel ihrer Arbeit erreicht.