Wie man mit 32 Nationen ein gemeinsames Fest feiert

Das Lichterfest im Nordviertel

Mit viel Engagement und Leidenschaft zum gemeinsamen Fest der Nationen und Kulturen.

Alle Nationen und Kulturen verfügen über eigene Rituale und Feste. Gemeinsam feiern verbindet, schafft Gruppengefühl, ist Ablenkung vom manchmal schwierigen Alltag. Was aber tun, wenn wie im Nordviertel unterschiedlichste Kulturen auf engem Raum vertreten sind und alle unterschiedliche Riten und Festivitäten begehen? Christen feiern keinen Ramadan, Muslime nicht Ostern, afrikanische Feste sind in Europa weitgehend unbekannt.

 

Die Künstlerin Harriet Wölki, die im Nordviertel ein eigenes Atelier, das elTing betreibt und sich auf vielfältige Weise künstlerisch und kulturell bildend im Stadtteil engagiert, hat sich daher auf die Suche nach einem verbindenden Thema der Bewohner*innen gemacht, unter dessen Dach man trotz aller Unterschiede ein gemeinsames Fest feiern kann. Das Element Licht ist es geworden, denn das, so sagt sie, hat in allen Kulturen eine Bedeutung. Vor diesem Hintergrund ist im Quartier die nunmehr fünfjährige Tradition des Lichterfestes entstanden.

Wie bei vielen anderen Aktivitäten rund um St. Gertrud und das Nordviertel ist auch das Lichterfest eine Co-Produktion vieler unterschiedlicher Beteiligter. Anlass war ein Treffen zwischen Harriet Wölki und Gabi Wittekopf, die seit mehreren Jahren vor Ort als Stadtteilmoderatorin arbeitet und demnach bestens im Quartier vernetzt ist. Gemeinsam innovative, kreative Projekte mit den Menschen im und für das Nordviertel zu entwickeln, das konnten sie sich nach einem ersten Kennenlernen gut vorstellen. Das Motto „Du bist – ihr seid – das Licht der Welt“ hat Harriet Wölki kreiert. Es ist kein Zufallsprodukt, sondern damit möchte sie insbesondere den jüngeren Bewohner*innen aus dem Stadtteil etwas mitgeben. Wie die Welt ausschaut, ob sie leuchtet, das liegt auch an euch, will sie sagen. Zeigt euch, macht euch sichtbar. Es sind auch die Kinder und Jugendlichen gewesen, die ihr geholfen haben, das Motto in elf häufig vorkommenden Sprachen des Nordviertels zu übersetzen.

 

Im Herbst – dann kommen die Nordviertellichter am besten zur Geltung – illuminiert sie vor Ort Häuserwände, Fassaden und Schaufenster für zwei Wochen mit dem Motto. Auch hier helfen Jugendliche, passende Fensterbilder für die Ladenlokale zu gestalten. Die Lichtkreationen passen gut zu dem parallel stattfindenden Essener Lightfestival in der nördlichen Innenstadt. So gelingt eine von Licht getragene Verbindung von der Innenstadt in das Nordviertel, seine häufig vermisste Anbindung an die Innenstadt und die dortigen Investitionen und Entwicklungen wird auf diese Weise visualisiert.

An einem konkreten Tag findet dann schließlich das eigentliche Lichterfest statt. Dieses wiederum bietet all jenen eine Plattform, die im Nordviertel leben, möglicherweise aber Wurzeln in fernen Ländern haben und von ihrer Kultur etwas zeigen möchten. Das kann Kulinarisches sein, das vor illuminierter Kulisse oder an der Leuchtbar serviert wird; darin aber ist das Angebot an Kompetenzen und Talenten längst nicht erschöpft. Tanz-, Musik- und Folkloregruppen aus unterschiedlichsten Ländern zeigen ihre Kunst und lassen Interessierte an ihren Kulturen teilhaben. Das verfehlt seine Wirkung nicht.

 

Insbesondere Kinder, die häufig auch wegen ihrer Herkunft mit Vorurteilen umgehen müssen und Diskriminierungserfahrungen machen, erleben hier, welche Schätze ihre Kulturen und Heimatländer eigentlich bereithalten. Das schafft Anerkennung und macht stolz.

„Du bist – ihr seid – das licht der welt“

Eine Botschaft erstrahlt in den elf Sprachen, die im Viertel am häufigsten vorkommen.

Eine Erfahrung, die Harriet Wölki den Kindern öfter bieten möchte, weshalb sie in ihrem künstlerischen Alltag immer wieder nach Möglichkeiten sucht, mit ihnen etwas über die unterschiedlichsten Länder der Welt erleben zu lassen. Was man mit Licht alles machen kann, das erlebt man zumindest am Tag des Festes. Fluoreszierende Farben allerorten, Mitmachaktionen, traditionelles Stockbrot am echten Feuer backen – für alle Mitwirkenden und Gäste ist etwas dabei. Dafür legen sich viele quartieransässige Institutionen und Vereine ins Zeug. Dass das, was das Viertel hier strahlen lässt, ein Gemeinschaftswerk ist, wird spätestens dann deutlich, wenn alle Beteiligten 400 Lichter zusammen aufstellen und zeitgleich anzünden.

 

Hier ist aller Unterschiede zum Trotz ein Fest der Begegnung und des Miteinanders entstanden.

Die Finanzierung des Festes gelingt mit Hilfe diverser Unterstützer*innen und Fördermittel, dazu gehören die RWE AG, Reinhard Wiesemann, Vonovia, BV I, Stadt Essen, das Kulturbüro der Stadt Essen, das Integrationsbudget der Stadt Essen, Derksen Lichttechnik, Sparkasse Essen und Soziale Stadt Altenessen-Süd/Nordviertel.

 

Künstlerischer und kultureller Entfaltung soll aber nicht nur an einem einzelnen Tag im Viertel Raum gegeben werden, dafür setzt sich Harriet Wölki seit einigen Jahren ein. Ihre persönliche Biografie trägt viel zu der Empathie bei, die sie für Menschen empfindet, die weit gereist (oder geflohen) sind und sich nun ihr Ankommen in einer neuen Klasse, einem neuen Viertel, einem neuen Land erarbeiten müssen.

 

In ihrem Atelier bietet die renommierte Künstlerin Kurse überwiegend für Kinder und Jugendliche an. Die Auseinandersetzung mit Ton etwa zieht dabei vielseitige Synergieeffekte nach sich. Durch die Arbeiten mit dem Material entstehen fantasievolle Werke, tatsächlich sind sie auf den zweiten Blick auch kreative Vehikel, sich mit unterschiedlichsten Themen auseinanderzusetzen und Dogmen zu hinterfragen.

 

Für ihre Arbeit hat sie gute Argumente. Sie findet auf ihre Weise Wege, Themen, die beispielsweise auch eigentlich zurückgezogene Kinder bewegen, an die Oberfläche zu bringen. Sie orientiert sich an der Reggio-Pädagogik, die prägend für sie war.

Ein Ansatz, der mit einem positiven Menschenbild und dem Glauben daran verbunden ist, dass Menschen selbst wissen, was sie brauchen und auf ihrer Entdeckungsreise begleitet, nicht geformt werden müssen. Damit passt er sehr gut in die Arbeitshaltung vieler Akteure rund um die Kirche im Dorf. Auseinandersetzung mit Heimat, Fremde, Identität – all das gelingt Harriet Wölki mit ihrer Arbeit. Das kann über das Malen eines Bildes entstehen oder in der Kaffee-Keks-Runde, einem Ritual, das zum Ankommen im Atelier gehört. Oder im Ausprobieren anderer Rollen als der, die man im eigenen Zuhause innehat.

 

Hier hat sie eine Möglichkeit in die Lebenswelten der Kinder einzutauchen und die hier aufgedeckten Themen ggf. auch weiterzugeben und Verbindung zu den Unterstützungsnetzwerken des Stadtteils herzustellen. Für diese Zugänge braucht es Zeit. Die unterschiedlichen Communities im Nordviertel öffnen sich nicht schnell und nicht gegenüber jedem, Harriet Wölki spricht z. B. von „eher innerhäusigen Kulturen“. Ein Flyer im Briefkasten kann hier höchstens ein Mittel darstellen; wesentlich wichtiger ist das persönliche Gespräch, wenn man Menschen zu Teilhabe und Teilnahme einladen möchte.

Wie wichtig ihr die Bildung gerade dieser Kinder aus dem Nordviertel ist, macht die zierliche Künstlerin mit aller Vehemenz deutlich und auch, dass sie für ihr Handeln verlässliche Rahmenbedingungen braucht. Eine stabile finanzielle Basis, die ihr ein Minimum an Planungssicherheit wenigstens für das nächste Jahr garantiert, wäre hilfreich, um weiter diese Form der Bildung zu ermöglichen. Dass es nicht bei politischen Lippenbekenntnissen bleibt, Kinder seien die Zukunft und Bildung das Mittel der Wahl, sondern dass mit diesen Aussagen kontinuierlich fließende finanzielle Ressourcen für diese Anliegen bereitgestellt werden, ist ihr ein großes Anliegen.

 

Für die Kinder und Jugendlichen aus dem elTing steht jedoch ungeachtet des Projekt- und Finanzierungsdilemmas fest: Wenn im Atelier wieder die jährliche künstlerische Kalendergestaltung ansteht, ist das Novembermotiv gesetzt. Da ist Lichterfest.