Und zum Schluss…

Was daran ist eigentlich Kirche?

Von Kritikern, aber auch von Neugierigen werde ich oft gefragt, was an meiner Arbeit im Stadtteil überhaupt Kirche sei, weil doch viele Menschen, Gruppen und Institutionen, auf die ich dort treffe, nicht zur Kirche gehören.

Erstes und wichtigstes Argument ist das Beispiel Jesu, der sich ohne Vorbehalte und ohne Vorurteile allen Menschen in gleicher Weise zuwendet, den religiösen Eiferern wie den Heiden, den Armen wie den Reichen und besonders allen Ausgegrenzten wie den Aussätzigen, den Sündern und sogar den Römern und deren Kollaborateuren, die damals das Land besetzt hielten.

 

Genau das meint „katholische Kirche“. Das Wort „katholisch“ bedeutet wörtlich übersetzt „in Bezug auf das Ganze“ oder „die ganze Erde umfassend“. Katholische Kirche ist immer eine Kirche für alle Menschen guten Willens. Es steht uns nicht an zu sortieren, wer dazugehört. Vor allem steht es uns nicht an, jemanden auszusortieren, der angeblich nicht dazugehört.

Umgekehrt bin ich frei davon, alle, mit denen ich zu tun habe, zu Mitgliedern der Kirche machen zu müssen. Davon bin ich überzeugt, Kirche hat nicht den Auftrag, alle zu unterwerfen. Allen Menschen das Evangelium zu verkünden bedeutet Sauerteig zu sein bzw. das Salz in der Suppe. Eine Suppe, die nur aus Salz besteht, ist ungenießbar. Nach meiner Erfahrung wartet die Gesellschaft heute mehr denn je auf die Würze der Kirche, denn eine Suppe ohne Salz ist ebenso ungenießbar.

 

Schließlich höre ich immer wieder, dass durch die Stadtteilarbeit die Sonntagsgottesdienste nicht voller würden. Dem widerspreche ich entschieden. Die traditionelle deutsche Gemeinde ist eine verschwindende Größe. Durch die Stadtteilarbeit verändert sich die Gottesdienstgemeinde signifikant. Schwung und Lebendigkeit der Stadtteilarbeit stecken die Sonntagsgemeinde sowie die Gremien und Strukturen der Kirche an. Die Zusammensetzung derer, die die Gottesdienste mitfeiern, verändert sich. Die Art, wie wir Gottesdienst feiern, verändert sich. Die Art, Kirche zu sein, verändert sich. Weder die eine noch die andere Lesart ist bisher empirisch belegbar, aber vor allem im Kontext einer Innenstadtgemeinde lässt sich aus meiner Sicht klar sagen: Ohne die Stadtteilarbeit gäbe es St. Gertrud, Essen-Mitte schon längst nicht mehr.

 

Die Kirche St. Gertrud, Essen-Mitte ist noch in einer anderen Hinsicht etwas Besonderes. Aufgrund der wechselvollen Geschichte zweier Weltkriege und des Wiederaufbaus hat das Kirchengebäude drei Stockwerke und sehr viele Eingänge. Wer von der einen Seite das Gebäude betritt, kommt ebenerdig in den Gertrudissaal, in dem sich bis zu 350 Menschen treffen können. Dort finden viele Feiern oder große Konferenzen statt. In dieser Broschüre sind der Arbeitsmarkt und die Integrationskonferenz zu sehen. Der eigentliche Kirchenraum befindet sich im Obergeschoss, das von der anderen Seite betreten wird. Zusätzlich gibt es ein Zwischengeschoss mit drei Räumen, einer Küche und eigenen Toiletten, das direkt unter dem Altar des Kirchenraumes eingebaut wurde. Ursprünglich, in der Zeit des Wiederaufbaus, war es der Platz für einen Kindergarten, später trafen sich dort die Gemeindegruppen, schließlich standen die Räume lange Zeit weitgehend leer. Seit 2008 stellt die Pfarrei St. Gertrud, Essen-Mitte dieses Zwischengeschoss komplett für die Stadtteilarbeit zur Verfügung. Wenn die Werktagsgottesdienste – z. B. anlässlich einer Beerdigung – nicht in der Werktagskapelle, sondern im Kirchenraum gefeiert werden, hören die Mitfeiernden des Gottesdienstes in den Momenten der Stille die Sprachkurse, die gleichzeitig stattfinden, und die Lernenden der Sprachkurse hören, wie die Menschen im Kirchenraum singen und beten. In St. Gertrud findet alles unter einem Dach statt – buchstäblich in allen Richtungen um den Altar herum.

 

Winfried Rottenecker

Und, was macht denn da die Stadtteilmoderation?

Sie ist die sogenannte Hexe auf dem Zaunpfahl. Oft sitzt sie dort, beobachtet das bunte Treiben im Stadtteil. Verlässt sie den Zaunpfahl, sammelt sie neugierig im direkten Kontakt mit den Menschen vor Ort, in der Verwaltung, Politik und Wirtschaft Eindrücke, Kenntnisse und Themen aus den vielfältigen Lebenswelten und Systemen. Dabei hört sie zu und bemüht sich redlich die Sprachen der Milieus zu verstehen. Dabei begegnen ihr Aussagen wie

„Davon hab ich noch nix gehört…“
„Mich fragt ja keiner.“
„Ich hab ja nix gegen die anderen, aber…“
„Der Bürger denkt doch nur an seinen eigenen Vorteil.“

 

Sie stellt fest, es gibt unterschiedliche Meinungen und Wahrnehmungen, Interessensgegensätze, Verärgerungen und Begeisterungen, aber auch unglaubliche Energien und Ressourcen von Menschen, sich im Stadtteil für ein gutes Zusammenleben, eine gute Infrastruktur und ein gutes Klima zu engagieren.
Mit dieser Er-Kenntnis setzt sie sich für einen Moment auf ihren Pfahl, sortiert sich und die vielen Eindrücke. In Absprache mit den Menschen, denen ein Thema auf den Nägeln brennt, organisiert sie je nach Bedarf Treffen in der Nachbarschaft bei Nachbarschaftskonflikten, nachbarschaftsfördernden Festen und Zusammenkünften

 

• Beteiligungsformate bei Planungen
• Infoveranstaltungen zur Herstellung von Transparenz
• Themenspezifische Arbeitskreise und Projektgruppen
• Aktionen im Stadtteil
• Speist Projektideen und Informationen in relevante Kreise

 

Sie unterstützt die Verständigung zwischen den Lebenswelten und hilft ggf. den „Sprech“ der Anderen verstehen zu können. (prägender Begriff des scheidenden Diakons von St. Gertrud) Sie ist Hexe, denn sie hat keine Angst ins Fettnäpfchen zu treten, sie traut sich was. Sie sitzt nicht auf dem Zaunpfahl, weil sie meint, sie sei etwas Besseres, nein!
Sie schafft immer wieder mal die Distanz, um sich nicht von einzelnen Interessensgruppen vereinnahmen zu lassen und offen zu bleiben für einen Dialog auf Augenhöhe.

 

Gabi Wittekopf

Und was daran ist eigentlich das Dorf?

Das „Dorf“ meint das Quartier oder den Stadtteil, in dem sich die Kirche befindet und wie die Wechselwirkungen zwischen beiden Elementen positive Impulse auf die in ihnen lebenden Menschen mit sich bringen.

 

Die Kirche St. Gertrud als Begegnungsort liegt direkt südlich angrenzend an das Nordviertel, welches zusammen mit dem Stadtteil Altenessen-Süd seit dem Jahr 2012 Städtebaufördergebiet in dem Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt – Investitionen im Quartier“ ist. Durch dieses Stadtteilprojekt wurde ein Prozess der integrierten Stadtteilentwicklung begonnen. Dies ist ein ressortübergreifender Politik- und Verwaltungsansatz, der Ressourcen bündelt, vorhandene Kräfte mobilisiert und das gemeinsame Agieren koordiniert, um den Prozess des Strukturwandels positiv zu gestalten.

 

Ziel der Städtebauförderung ist es, die Lebensqualität in den von räumlichen und sozialen Polarisierungsprozessen betroffenen Stadtteilen zu verbessern und in den Quartieren eine stabilisierende Entwicklung in Gang zu bringen. Durch eine soziale und bewohnerorientierte Stadtteilentwicklungspolitik sollen die Wohn-, Arbeits- und Lebensverhältnisse in den Quartieren verbessert sowie der soziale Ausgleich, Zusammenhalt und die Chance auf Teilhabe für alle erreicht werden.

 

Dabei profitiert das Städtebaufördergebiet NORD „Altenessen-Süd/Nordviertel“ von umfangreichen Fördermitteln, um die anhaltenden Problemstellungen, die konsequent weiter bearbeitet werden müssen, bewältigen zu können. Zu den städtebaulichen Aufgaben gehört die Fortsetzung der Erneuerungsbemühungen im Bereich Verbindung und Ausstattung von Freiflächen, der ökologischen Aufwertung und der Steigerung der Aufenthaltsqualität. Zudem ist der erneuerungsbedürftige Wohnungsbestand in Zusammenarbeit mit der Wohnungswirtschaft weiter den aktuellen Anforderungen anzupassen. Über Wohnumfeldverbesserungen, Reduktion von Belastungen im Bereich Lärm und Feinstaub durch Optimierung der Nahmobilität sollen weitere Aspekte zur Steigerung der Lebensqualität bearbeitet werden. Auch ist die vorhandene Infrastruktur auf die aktuellen Anforderungen zu überprüfen. Hierbei spielen vor allem die Begegnungsmöglichkeiten im öffentlichen Raum eine große Rolle.

 

Auf diese Weise schließt sich der Kreis zu den „im Dorf“ lebenden Menschen, von deren Engagement es abhängt, ob ein neu gestalteter Platz oder eine aufgewertete Grünfläche angenommen und damit nachhaltig werden. Deshalb ist es wichtig, die Bürgerinnen und Bürger bei Städtebauprojekten von Anfang an mitzunehmen und ihnen frühzeitig die Möglichkeit zur Beteiligung zu geben, denn eine bloße „Investition in Steine“ greift zu kurz. Ein Ort der Bürgerbeteiligung ist die „Kirche im Dorf“. Hier kommen Menschen zusammen und tauschen sich über Projekte aus.

 

Ingrid Ratay