Sprich :)))

Wege, „das Schneckenhäuschen zu verlassen“:
Die Beratungs- und Koordinierungsstelle für Spracherwerb im Nordviertel

Miteinander ins Gespräch zu kommen und sich verständlich machen zu können sind relevante Elemente, um an einem neuen Ort heimisch werden und sich integrieren zu können.

Die Bedeutsamkeit, aus anderen Ländern Zugezogene oder Geflüchtete bei dem Erwerb der neuen Sprache zu unterstützen, gehört daher zu den wesentlichen Leistungen, die Städte und Kommunen vorhalten müssen.

 

Das offizielle Angebot der Sprachkurse ist jedoch nicht zuletzt aufgrund der kurzfristig hohen Zuwanderungszahlen 2015 nicht immer hinreichend. Als Hürden werden lange Wartezeiten genannt. Um an einem sogenannten Integrationskurs teilnehmen zu können, muss ein Antrag beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gestellt werden und über verschiedene Paragraphen wird geregelt, wer überhaupt zu einem solchen Angebot zugelassen ist. Notwendig sind z. B. eine gute Bleibeperspektive oder ein Duldungsstatus nach § 60a Abs. 2 Satz 3 AufenthG. Ein abgeschlossenes Studium der Verwaltungswissenschaften vor Antragstellung erscheint da hilfreich. Daneben beschreiben viele der potentiellen Teilnehmer*innen eine Hemmschwelle, da sie beispielsweise lange nicht mehr oder teilweise noch nie zur Schule gegangen sind, mitunter routinierte Tagesabläufe mit starren Regeln nicht gewohnt sind oder traumatische Erfahrungen in ihren Herkunftsländern gemacht haben. Für diesen sensiblen Personenkreis sind Kurse notwendig, in denen diese Spezifika erkannt und akzeptiert werden und die daher einen sanften niederschwelligen Einstieg in Sprachlernangebote ermöglichen.

 

Die Kooperationspartner aus St. Gertrud sowie dem ISSAB, die rund um das Nordviertel im Rahmen der Stadteilentwicklung viele gemeinsame Projekte entwickeln und ein Ohr für relevante Themen ihres Viertels haben, haben diese Problematik früh erkannt und wirken den oben benannten Schwierigkeiten entgegen.

 

Seit bereits sechs Jahren besteht hier ein festes Angebot zum Spracherwerb, mit dem versucht wird, diese Lücken zu schließen.

Von Montag bis Freitag finden im Gertrudisturm Kurse statt, die allen offen stehen, die die deutsche Sprache lernen wollen. Anders als bei den Angeboten des BAMF sind hier Anmeldeformalitäten, der Aufenthaltsstatus, das Vorzeigen bisher erworbener Zertifikate oder Ähnliches nicht notwendig.

 

Wir sprechen mit der Inhaberin der Koordinierungsstelle Juliane Jung über ihre Arbeit und ihr spezifisches Angebot. Die betonte Niederschwelligkeit macht diese Kurslandschaft besonders. Die Koordinatorin verdeutlicht das Prinzip der Freiwilligkeit. Jeder kann kommen, für eine Zeit wegbleiben – und wiederkommen, er bleibt willkommen. Solange man die anderen nicht stört, kann man sein Handy dabeihaben, für diejenigen mit Fluchterfahrung oft einzige verbliebene Verbindung mit Verwandten, für Mütter mit kinderreichen Familien notwendiges Utensil und daher ein nicht zu unterschätzender Aspekt. Der „disziplinarische Fokus“ anderer Kurse fehlt hier. Das ringt den Unterrichtenden ähnlich wie in anderen Angeboten rund um St. Gertrud hohe Flexibilität ab. Aber so wie wir es in diesem Kontext bereits häufig vorgefunden haben, zeichnet sich auch Juliane Jung durch eine gelassen-fröhliche Haltung aus, ohne dass die notwendige Professionalität dabei verloren geht. Der Anspruch, der damit verbunden ist, sich auf einen immer neu zusammengesetzten Teilnehmer*innenkreis einzulassen, bedeutet keine zu große Herausforderung. „Nach zwei bis drei Wochen kennt man seine Schäfchen. Und es gibt immer einen Plan B und C“, erzählt sie und lacht.

Einen der Sprachkurse in St. Gertrud zu besuchen, bedeutet Lernen in einem geschützten Raum. Eine aktive Teilnahme ist nicht notwendig.

 

So kann es für manche, etwa nach traumatischen Kriegserfahrungen, völlig ausreichend sein, hier zu sitzen, dabei zu sein und eine geregelte Tagesstruktur zu erfahren.

 

Spracherwerb ist in einem solchen Moment nachrangig. Sicherheit zu erleben hat dann einen höheren Stellenwert. Ihre Teilnehmer*innen und deren Privatsphäre zu schützen nimmt Juliane Jung sehr ernst. Diese müssen sich nicht erklären, auch uns nicht. Ein spontaner Besuch des Unterrichts kann uns daher nicht ermöglicht werden. Aber wir bringen auch so viel in Erfahrung und gewinnen ein lebendiges Bild von seinem Ablauf.

 

Damit dieses spezielle Angebot mit sensibler Zielgruppe funktionieren kann, braucht es geschultes Personal, das den Menschen auf Augenhöhe begegnet. Als Coaches versucht sie engagierte Personen zu finden, die beruflich in eine ähnliche Richtung streben und z. B. Deutsch als Fremdsprache studieren oder bereits in diesem Bereich arbeiten. Lehrende, die Wärme und Herzlichkeit ausstrahlen, bewirken im Gegenzug, dass die Teilnehmenden sich öffnen.

Juliane jung

Sie kennt nicht nur alle professionell und ehrenamtlich organisierten Angebote zum Spracherwerb im Nordviertel, sondern auch Zulassungsvoraussetzungen und Fristen.

Akzeptanz und Wertfreiheit sind die wichtigsten Attribute in der Arbeit. „Sich selbst nicht so ernst nehmen, ein bisschen ‚Rampensau‘ sein“ seien zudem wesentliche Fähigkeiten, sagt Juliane Jung und erzählt sehr anschaulich, wie sie ihren Teilnehmer*innen versucht, die Gepflogenheiten und Tücken der deutschen Sprache näher zu bringen. Es erfordert mitunter vollen Körpereinsatz, pantomimisches Talent und Humor, wenn Sprachkompetenzen aus unterschiedlichen Bereichen des Alltags, z. B. Haushalt, Arzt- und Schulbesuch vermittelt werden wollen.

 

Mit Widrigkeiten im Unterrichtsalltag umgehen zu können, gehört ebenfalls zu den Kernkompetenzen des Personals, so die Koordinatorin. Dinge ausprobieren, ohne langes Hadern eingestehen, dass eine Methode, ein Spiel oder eine didaktische Idee unter Umständen nicht zünden, ohne das persönlich zu nehmen, sind an dieser Stelle wichtig.

 

Die Begegnung im Unterricht gelingt nicht nur zwischen Teilnehmenden und Coaches. Hier ist eine Atmosphäre geschaffen worden, die ermöglicht, dass Christen und Muslime, Jüdinnen und Juden sowie Buddhist*innen, Männer und Frauen gemeinsam am Unterricht teilnehmen.

 

Interreligiöse Konflikte gibt es nicht, erzählt Juliane Jung, auf Besonderheiten wie etwa Ramadan wird von allen Rücksicht genommen. Auch der ungewöhnliche Ort – eine katholische Kirche – wird von niemandem in Frage gestellt.

Wichtig ist die Begegnung und mit ihr ein „gleichberechtigtes Sein unter den Teilnehmer*innen“. Im Vordergrund steht bei Sprich :))) sicherlich der Spracherwerb. Daneben hat das Angebot jedoch Lotsenfunktion, es können sich Synergien entwickeln. Auch an diesem Projekt wird deutlich, dass es häufig nicht bei einem prioritär gesetzten Ziel bleiben muss, sondern über gelungene Arbeit Mehrwerte entstehen. Die Menschen lernen hier, wie man in der Apotheke Aspirin erwirbt. Und sie erfahren nebenbei, wo die beste Apotheke oder ein guter Kindergarten oder ein schönes Restaurant zu finden sind. Manche schöpfen hier neuen Mut, haben sich bewährt und trauen sich nun, erste Schritte mit der neuen Sprache zu wagen. Sie überwinden, doch nochmal einen ‚offiziellen‘ Sprachkurs in Angriff zu nehmen oder sich zu bewerben. Mehrwerte entstehen auch für die jungen Coaches, die sich hier nach dem Studium ausprobieren und erste berufliche Erfahrungen machen können. Und – nicht weniger wichtig – manchmal entstehen hier Freundschaften zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen.

 

Dass Sprich :))) keine Insel ist, wird ebenfalls deutlich. Durch die Zusammenarbeit mit den Kooperationspartner*innen ist Juliane Jung gut eingebunden in das bestehende Netzwerk des Nordviertels. Sie kann so bei Bedarf Menschen miteinander in Kontakt bringen oder an andere Unterstützungsangebote weitervermitteln. Es bestehen dafür verschiedene Abstimmungsformate wie die Große Runde Perspektive Nordviertel, Teamtreffen mit Kolleg*innen des ISSAB oder aus St. Gertrud und die Stadtteilkonferenz.

 

Was als ehrenamtliches Projekt begonnen hat, hat sich also mittlerweile als stabiles professionelles Sprachkursangebot etabliert.

Auch die Stadt hat das Potential erkannt und ist froh, wenn sie Menschen, die weniger gut in das Teilnehmer*innen-Portfolio der BAMF-Kurse passen, an Sprich :))) vermitteln kann.

Auch die Stadt hat das Potential erkannt und ist froh, wenn sie Menschen, die weniger gut in das Teilnehmer*innen-Portfolio der BAMF-Kurse passen, an Sprich :))) vermitteln kann. Sie unterstützt daher das Projekt. Der Integrationsfonds der Stadt stellt Mittel bereit, um die Koordinierungsstelle und die Lehrenden zu finanzieren. Aber auch für dieses Angebot besteht der Anspruch, langfristig eine Regelfinanzierung zu erreichen. Nur so kann beispielsweise gutes Personal gehalten werden. Die teils jungen Coaches, die selbst noch studieren, müssen sich auf eine kontinuierliche Bezahlung verlassen können, sonst ziehen sie weiter und die Fluktuation ist hoch.

 

Dass es am Ende gewinnbringend ist, sich hier einzusetzen und Sprache – oder mehr – zu vermitteln, vertritt Frau Jung jedoch ebenso glaubhaft, wenn sie schildert, wie viel sie von den Teilnehmer*innen zurückbekommt.

 

Das umfasst fröhliches Wiedererkennen nach vielen Jahren genauso wie eine herzliche Umarmung oder das Verfolgen positiver Entwicklungen, wenn Menschen sich mit Unterstützung von Sprich :))) persönlich weiterentwickeln, in Deutschland Fuß fassen und gut begleitet „ihr Schneckenhäuschen verlassen“ können.