SauberZauber

Frühjahrsputz im Nordviertel

Beschäftigt man sich mit Kirche, Dorf und Quartierentwicklung und sollen in einem Stadtteil Erneuerungsprozesse angestoßen werden, kommt man um das Thema Sauberkeit nicht herum.

Ein sauberes Viertel ohne größere Ecken, die verdreckt sind, wilde Müllhalden oder abgeladene Möbel trägt maßgeblich zu Lebens- und Aufenthaltsqualität bei und wird von vielen Anwohner*innen als wichtiges Merkmal benannt, um sich vor Ort wohlzufühlen. Im Rahmen von Soziale-Stadt-Prozessen stehen die Wohnumfeldverbesserung, die Steigerung der Attraktivität öffentlicher Räume sowie die Aktivierung von Nachbarschaften im Fokus, um Imageverlust und Stigmatisierung der ausgewählten Gebiete entgegenzuwirken. Gleichzeitig erkennen Städte seit einigen Jahren das Potential, das in bürgerschaftlichem Engagement verborgen liegt und für Zusammenhalt sorgt und organisieren, nicht zuletzt vor dem Hintergrund umweltbewusstes Handeln zu befördern, in großem Stil jährliche, gemeinschaftliche Putz- und Aufräumaktionen. In Essen wird daher seit nunmehr 13 Jahren gemeinsam ein Frühjahrsputz, der „SauberZauber“, begangen. Die Essener Entsorgungsbetriebe (EBE) stellen das Material und holen gesammelten Müll am Ende wieder ab, weitere Partner unterstützen die Aktion. Mit breit angelegter Öffentlichkeitsarbeit sollen sich sowohl Einzelpersonen als auch Teams, Jung und Alt angesprochen fühlen. Mit großem Erfolg, denn es machen jedes Jahr mehr als 10.000 Bürger*innen mit. Vor diesem Hintergrund haben sich auch im Nordviertel verschiedene Gruppen auf den Weg gemacht, ihre Stadt mit tatkräftigen Händen zu unterstützen.

 

Wir möchten die Gelegenheit nutzen, mit den Menschen vor Ort ins Gespräch zu kommen und sind neugierig. Was bewegt sie, an einem strahlenden Samstag auf herkömmliche Freizeitaktivitäten, den Cappuccino im Café, die Gartenarbeit oder den Fahrradausflug, zu verzichten und mit auffälligen Warnwesten der EBE Müll aus den Büschen am Ostermannplatz zu fischen?

Sie stellen fest, dass hier sowohl baulich als auch sozial viel passiert, und sie sind gern in diese Veränderungen eingebunden.

Schnell wird klar, hier engagieren sich Menschen, die viel Herzblut und Leidenschaft für ihr Nordviertel empfinden. Sie stellen fest, dass hier sowohl baulich als auch sozial viel passiert, und sie sind gern in diese Veränderungen eingebunden. Die Quartiershausmeisterin ist auch dabei und erzählt von den Prozessen rund um den SauberZauber und die generellen Entwicklungen vor Ort. Sie selbst hat sich auch vor dieser Tätigkeit ehrenamtlich engagiert und lebt schon lange im Viertel. „Es hat irgendwie mit Herz zu tun“, beschreibt sie. Sie nimmt die Wünsche und Anliegen der Bewohner*innen ernst, dann funktionieren Vorhaben wie ein gemeinsames Fest. Man bemerkt ihre Verwurzelung im Quartier, sie kennt sich aus und ist mit vielen im Kontakt. Sie bemerkt einen Wandel, auch im Verhalten der Bewohner*innen. Dass sich ganz unterschiedliche Personengruppen gemeinsam den Ostermannplatz teilen können, zeigt sich hier in besonderer Weise und hat möglicherweise auch mit der Haltung der Anwohner*innen zu tun:

 

Die kleine Trinkerszene, die an öffentlichen Orten oft als Störfaktor gilt, koexistiert am Ostermannplatz friedlich mit den anderen Nutzer*innen und erfüllt eine wichtige Funktion – sie achtet auf die spielenden Kinder und hat sie mit im Blick.

Überhaupt – das Gemeinschaftsgefühl der Beteiligten ist in den Gesprächen spürbar, man achtet aufeinander „wie in so einem kleinen Dörfchen“. Am „Frühjahrsputz“ nehmen mehr und mehr Personen teil, hier erlebt die Quartiershausmeisterin vor allem mit Kindern berührende Momente. Sie lacht, wenn sie erzählt, dass diese viel schneller und besser lernen, wie man Müll richtig entsorgt, als die Erwachsenen. Und sie hofft auf eine nachhaltige Wirkung, eine Aufmerksamkeit für ein sauberes Nordviertel, die länger hält als den einen Tag. Erste zarte Pflänzchen in diese Richtung lassen sich aus ihrer Sicht bereits beobachten. Vom SauberZauber aus kommen wir auf die weiteren Themen, die die Leute vor Ort bewegen.

 

So auch die Sorge, die bei einigen mit dem Wandel des Nordviertels einhergeht. Befürchtungen, verdrängt zu werden und sich z. B. steigende Mieten nicht mehr leisten zu können.

Im Gespräch

Das Nordviertel ist eine riesige, offene Gemeinschaft, die versucht, vor Ort Veränderungen anzustoßen.

Auch eine junge Mutter ist mit ihrem Sohn gekommen und hilft tatkräftig mit. Sie lebt gern vor Ort, das Zusammenleben der unterschiedlichen Kulturen gefällt ihr.

Im Rahmen ihrer Arbeit greift sie das auf und vermittelt im Quartier Wohnungen auch an Transferleistungsbezieher*innen.

 

Auch eine private Teilnehmerin erlebt vor Ort einen baulichen Wandel, der sie erfreut. Sie will daher selbst etwas tun und macht beim SauberZauber mit, auf den sie durch die Quartierhausmeisterin aufmerksam geworden ist. Darüber hinaus ist sie vielseitig, unter anderem auch als Spaziergangspatin aktiv. „Es macht mir einfach Spaß, auch heute“, lacht sie, „sonst hätte ich ja ins Rhein-Ruhr-Zentrum gehen können.“

 

Gegen das Rhein-Ruhr-Zentrum und für das Engagement im Viertel hat sich an diesem Tag auch eine weitere Anwohnerin entschieden, deren Aktivitätsbereitschaft längst nicht beim SauberZauber aufhört. Über das Lichterfest (s. S. 52) ist sie dazu gekommen und seitdem bei der Vereinsgründung „Buntes Nordviertel e.V.“ dabei, beim Bewohnerstammtisch und in der Arbeit mit Geflüchteten. Der Gefallen an diesen Tätigkeiten ist ihr anzumerken, und die Bedeutsamkeit dessen, was man von den Menschen zurückbekommt. „Eine riesige offene Gemeinschaft“ sei das, „die ganz viel versucht“, um vor Ort Veränderungen anzustoßen.

 

Das Engagement kam aus der Bewohnerschaft, erzählt sie, aber sie ist dankbar, dass das ISSAB, das Quartiermanagement, das im Rahmen der Sozialen Stadt hier die Arbeit begonnen hat, den Grundstein gelegt hat.

 

Besondere Bedeutung hat in diesen Prozessen auch St. Gertrud für sie, denn über die Kirche läuft Vieles und wird viel organisiert, das Viertel und sie sind fest miteinander verbunden.

Ärgerlich finden sie und weitere Anwohner*innen nur, dass so viele negative Bewertungen in der Öffentlichkeit über das Nordviertel erfolgen. Hier wird aus ihrer Sicht zu wenig differenziert, die Berichterstattung ihrem und dem Engagement der anderen nicht gerecht.

 

Auch eine junge Mutter ist mit ihrem Sohn gekommen und hilft tatkräftig mit. Sie lebt gern vor Ort, das Zusammenleben der unterschiedlichen Kulturen gefällt ihr. Heute ist sie dabei, damit ihr Kind frühzeitig lernt, wie man das macht mit der richtigen Müllentsorgung, sie will Vorbild sein.

 

Der SauberZauber im Nordviertel bietet in zweierlei Hinsicht Anlass für ein Plädoyer. Will man der Verschiedenheit der Anwohner*innen vor Ort Rechnung tragen und möglichst viele zur Teilnahme an gemeinschaftlichen Aktivitäten anregen, ist es von Vorteil, über unterschiedliche Zugänge in Communities und Quartier zu verfügen und in ein großes Netzwerk lokaler Institutionen und Bürgerinitiativen zu investieren. Es zeigt sich, dass die Präsenz der Akteure aus dem Quartiermanagement hier greift. Nicht alle Befragten haben dieselben Ansprechpartner*innen benannt, aber alle mindestens eine Person oder Institution aus dieser Kooperation als wichtig beschrieben, seien es die Kirche, das ISSAB oder Ressourcen der Stadt. Aus vorangehenden gemeinsamen Aktivitäten sind nachhaltige Mehrwerte entstanden. Wer das Gemeinschaftserleben beim Lichterfest genossen hat, kommt vielleicht auch zum SauberZauber. Wer viele aus der Nachbarschaft kennt, freut sich, diese Personen beim Stadtteilspaziergang wiederzusehen. Wer sich eingeladen und mit seinen Anliegen gesehen fühlt, ist bereit, Zeit in Engagement zu investieren.

 

Und es lohnt sich, genauer hinzuschauen und zu differenzieren, wie es eine Anwohnerin gefordert hat. Einiges liegt im Stadtteil im Argen, viele Menschen sind hier von multiplen Problemlagen betroffen. Oft kann man im Zuge dieser Ausgangslage in Programmen oder politischen Reden von einer notwendigen Aktivierung der Bürgerschaft lesen. Am SauberZauber im Nordviertel zeigt sich, dass eine Unterstützung längst vorhandener Engagementbereitschaft treffender ist, denn hier gibt es trotz der lokalen Probleme bereits eine große Zahl aktiver Menschen, die aus sich selbst heraus motiviert sind und an der Gestaltung ihres Wohnquartiers mitwirken wollen.

 

Die Zusammensetzung, das lässt sich hier gut beobachten, ist dabei so bunt wie das Viertel selbst.

Die afghanischen Gruppen aus St. Gertrud haben sich genauso beteiligt wie Mütter mit ihren Kindern, jüngere und ältere Personen mit und ohne Migrationshintergrund – verbunden durch den Spaß, den gemeinsames Engagement bereiten kann und interessiert an den Entwicklungen vor Ort.