Mit Struktur, Engagement und Neugierde

Der Wandel des Nordviertels als Ergebnis gelungener Kooperationsbeziehungen

Ein Stadtteil, dessen Akteure die Lebendigkeit und Buntheit im besonderem Maße hart erarbeiten.

Das Dorf mit seiner Kirche und seinen Bewohner*innen, das im Mittelpunkt der folgenden Beiträge steht, meint an dieser Stelle das Nordviertel, einen Stadtteil im Norden der Stadt Essen, dessen Lebendigkeit und Buntheit sich genauso an Zahlen belegen lässt wie die Herausforderungen, die das Leben vor Ort mit sich bringt. Am Rande des Nordviertels liegt die katholische Kirche St. Gertrud. Das Viertel zählt zu den Quartieren, in denen die Segregation zwischen häufig stark belasteten nördlichen und höher ressourcierten südlichen Stadtteilen besonders deutlich wird. Verschiedene Sozialindikatoren deuten auf eine hohe Benachteiligung hin. So ist beispielsweise die Kinderarmut hoch, ebenso der Anteil der Transferleistungsbezieher*innen.

 

Der gemeinsam gewählte Titel „Kirche im Dorf“ ist hier zweideutig zu verstehen. Zum einen soll mit ihm verdeutlicht werden, dass eine Kirche, die sich zum Dorf hin öffnet und sich dabei hin und wieder außerhalb ihrer Normen und Traditionen bewegt, ein zentraler Akteur in Quartierentwicklungsprozessen sein kann. Zum anderen symbolisiert „die Kirche im Dorf zu lassen“, Schätze und Schönheiten, die das Nordviertel ebenfalls ausmachen, in der gemeinsamen (Öffentlichkeits-)Arbeit nicht außer Acht zu lassen. Deren Wahrnehmung ist ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit. Zu Beginn dieser Prozesse ist es wichtig, Problemlagen wahrzunehmen und zu benennen. Damit nimmt man die Bürger*innen mit ihren Sorgen ernst. Das Bild eines solchen Stadtteils nicht ausschließlich düster zu malen, ist jedoch ebenfalls notwendig, wenn das Image des hochgradig belasteten Stadtteils nicht immer wieder reproduziert und das Engagement und die Ressourcen der Bürger*innen gewürdigt werden sollen.

Wie die subjektive Bewertung ausfällt, wenn man vor Ort lebt, liegt ohnehin im Auge des Betrachters. Gesellschaftliche Vielfalt bildet sich in diesem Stadtteil auf engem Raum ab. Hier liegt die Universität mit ihrem Campus. Daneben ist das hochwertige Wohnviertel ‚Neue Mitte‘ entstanden. Macht man sich auf zu einem Spaziergang durch den Stadtteil, kann man alten Baumbestand, Grünflächen und aufwändig restaurierte Fassaden, Cafés und ein Künstleratelier entdecken. Aber auch eine Unterführung mit angrenzendem Parkplatz, deren Zustand durch immer wiederkehrende Vermüllung viele Bewohner*innen wütend macht und Bemühungen um Stadtteilentwicklung konterkariert. Daneben gibt es wiederkehrende Drogenkriminalität. Gleichzeitig wurden durch die kommunale Flüchtlings- und Verteilungspolitik im Zuge der Migrationsbewegungen seit 2015 viele Unterkünfte für Geflüchtete im Norden errichtet. Diejenigen mit einem gesicherten Aufenthaltsstatus finden hier heute auch nach Abebben der Zuzüge günstigen Wohnraum. Für nicht Wenige ist das Nordviertel nach Flucht und Vertreibung ein sicherer Ort, der vielleicht einmal Heimat wird. Es bedarf daher langfristiger Integrationsbemühungen von Aufnahmegesellschaft und neuen Bewohner*innen, die vermehrt Begleitung und Unterstützung benötigen. Was für einige urbanes Leben und Lebendigkeit bedeutet, meint für andere einen Wandel, der sie befremdet, ängstigt oder ärgert.

Parallel dazu sind die Zeiten auch für Kirchen – das gilt nicht nur für den Essener Norden – herausfordernd. Sinkende Mitgliederzahlen, Priestermangel oder schwindende finanzielle Ressourcen erfordern kreative Ansätze. Rolle und Aufgabe der Kirche müssen sich verändern, will sie dieser Entwicklung entgegenwirken. Die Situation bedingt ihre interkulturelle Öffnung, mitunter eine politische Positionierung im Dorfgeschehen, und befördert die Erweiterung des bisherigen Handelns hin zu einem verlässlichen Partner mit sozialräumlichem Fokus in einem herausgeforderten lebendigen Quartier.

 

Zur Verbesserung der Lebensqualität von Alteingesessenen und Neuzugezogenen in einem Stadtteil wie dem Nordviertel werden konstruktive lokale Kooperationspartnerschaften zwischen Akteuren der Kirche, der Stadtteilentwicklung sowie örtlichen Trägern und den Bürger*innen benötigt, um die vielfältige Angebots-, Beratungs- und Mitwirkungslandschaft zu entwickeln, die es dafür braucht. Zudem müssen aufgrund der bunten Zusammensetzung der Stadtteilbewohner*innen Gelegenheitsstrukturen entwickelt werden, die immer wieder Austausch und Begegnung ermöglichen.

 

Vor dieser Ausgangslage haben sich in den vergangenen Jahren unterschiedliche hauptamtliche Akteure sowie viele engagierte Bürger*innen auf den Weg gemacht, in ihrem Viertel etwas zu verändern und dabei auch ungewöhnliche Partnerschaften zu erproben.

 

Eine stabile Rahmung, mit der verlässliche Strukturen und Ressourcen verbunden sind, erhält dieses Vorhaben zum einen durch das Bund-Länder-Programm Soziale Stadt. Intendiert ist eine nachhaltige Quartiersentwicklung, ebenso werden Stabilisierung und Aufwertung der Stadtteile fokussiert und mithin viele Projekte, die Teilhabe und Teilnahme, Integration, Nachbarschaftsentwicklung und sozialen Frieden verfolgen, gefördert. Die Stadt Essen ist aufgrund der Besonderheiten des Ruhrgebiets und seines Strukturwandels bereits seit Jahrzehnten in der Städtebauförderung in unterschiedlichen Quartieren aktiv.

Im Jahr 2012 wurde das dafür erforderliche Integrierte Entwicklungskonzept für das Stadtteilprojekt „Altenessen-Süd/Nordviertel“ – für das hier beschriebene Dorf – entwickelt und beim Ministerium eingereicht. Das Konzept wurde im Jahr 2018 fortgeschrieben. Im gleichen Jahr wurde ein Integriertes Entwicklungskonzept für das neue Stadtteilprojekt Essen MITTE/OST (Stadtkern, Ostviertel, Südostviertel) erarbeitet. Somit ist auch der nördliche Stadtkern, in dem die Kirche St. Gertrud liegt, seit 2019 Fördergebiet Soziale Stadt. Die Integrierten Entwicklungskonzepte sind Grundlage, um Fördermittel für ein bestimmtes Quartier zu erhalten.

 

Verknüpft mit den Inhalten des Programms bietet zum anderen das spezifische Essener Mehrebenenmodell des Quartiermanagements Potentiale, Kooperationsbeziehungen zwischen Zivilgesellschaft, Politik und Verwaltung konstruktiv zu gestalten sowie die lokale Bewohnerschaft grundsätzlich in Planungen einzubeziehen.

 

Die Stellen von Stadtteilarbeit, Stadtteilmoderation und Gebietsbeauftragter sind in Essen mit unterschiedlichen Personen mit verschiedenen Qualifikationen und Aufgabenfeldern besetzt:

Stadtteilarbeit

Auf dieser Ebene besteht u. a. durch die Mitarbeiter*innen verschiedener Fachämter (z. B. Jugendamt), Verbände, Einrichtungen der freien Wohlfahrtspflege und der Kirche St. Gertrud besondere Nähe zu den Bürger*innen. Ihre Anliegen und Interessen sowie ihre Aktivitätsbereitschaft in Erfahrung zu bringen und relevante Themen zu eruieren, ist Aufgabe der Stadtteilarbeiter*innen. Entlang dieser Interessenlagen werden Aktivitäten und Kontakte organisiert. Dies kann auf Spiel- und Parkplätzen geschehen, häufig findet es jedoch in Stadtteilläden oder Bürgerzentren – oder wie im Nordviertel in der Kirche St. Gertrud, wo sich bürgerschaftliches Engagement entfalten kann – statt.

Stadtteilmoderation

Stadtteilmoderator*innen fungieren im Essener Modell als intermediäre Instanzen und bewegen sich sowohl in der lebendigen Welt des Stadtteils, wie hier dem Nordviertel, als auch im städtischen Verwaltungsapparat und vermitteln zwischen beiden Sphären. Für die Verknüpfungsleistung zwischen der unsortierten, heterogen anmutenden Lebenswirklichkeit des Quartiers und den geordnet verlaufenden Strukturen der Verwaltung, die nicht immer dynamisch agieren können, stellt die Stadt Essen finanzielle Ressourcen für die Moderationsstellen bereit. Um relative Unabhängigkeit in ihrem Handeln zu gewährleisten, sind diese jedoch an der Universität Duisburg Essen am hiesigen Institut für Stadtteilentwicklung, Sozialraumorientierte Arbeit und Beratung angestellt (ISSAB).

Gebietsbeauftragte innerhalb der Verwaltung

Gebietsbeauftragte sind Expert*innen für Verwaltungsabläufe und stehen in stabilem Austausch mit Anprechpartner*innen der für Stadtteilentwicklung relevanten Ämter. Hier suchen sie neue Wege und innovative Kooperationen. Gleichzeitig haben sie Kenntnis über die Vielzahl von Fördertöpfen und Antragsverfahren, die dem jeweiligen Stadtteil und seiner Entwicklung zugute kommen könnten.

 

Der Austausch zwischen diesen für das Quartier zuständigen Personen ist ritualisiert und institutionalisiert. Es finden regelmäßige gemeinsame Termine statt, um sicherzustellen, dass Themen, Neuerungen und Anliegen der unterschiedlichen Ebenen jeweils bekannt sind und kommuniziert und bearbeitet werden können.

 

Die Kirche St. Gertrud bietet an dieser Stelle günstige Gelegenheiten mit der lebensweltlichen Sphäre in Kontakt zu kommen. Ihre haupt- und ehrenamtlichen Akteure haben mit ihrer Arbeit erreicht, dass diese zentraler Anlaufpunkt ist, an dem sich die Vielfalt des Dorfes kumuliert. Nimmt man sich einen halben Tag Zeit, das Leben rund um das Gebäude zu betrachten, mag das Bild der aussterbenden Gemeinden hier nicht zutreffen. Man kann augenscheinlich alteingesessene Bürger*innen mit Rollatoren beobachten, sieht muslimische Frauen, viele Kinder, eine große afrikanische Community und eine kleine lokale ‚Trinkerszene’. Sie alle suchen aus unterschiedlichsten Gründen die Kirche und ihre angrenzenden Flächen auf – um hier ihren Glauben zu leben, ehrenamtlich zu arbeiten, Mittag zu essen, Schutz und Hilfe zu suchen, sich in einer der zahlreichen Gruppen zu treffen.

Die vorliegende Broschüre möchte verdeutlichen, welche Effekte entstehen können, wenn die relevanten Akteure des Dorfes über ihren jeweiligen Tellerrand schauen und neue Kooperationsstile und -beziehungen entwickeln. Das ist zuweilen mit Anstrengung und Mühe verbunden und setzt Sensibilität, Wissen und Akzeptanz bezogen auf die unterschiedlichen Rahmenbedingungen, unter denen die Beteiligten agieren, voraus. Mit diesen Bündnissen können aber auch besondere Synergien entstehen, die den Stadtteil stabilisieren und vitalisieren, die Kompetenzen und Ressourcen der Bewohner*innen vor Ort einbeziehen und an ihre Anliegen andocken.

 

In besonderem Maße getragen werden die so entstandenen Beteiligungs- und Unterstützungsformate von der Vielzahl zivilgesellschaftlicher Akteure, die sich hier mit Energie und Leidenschaft engagieren, an den Angeboten teilnehmen und sie maßgeblich mitgestalten. Sie erhalten in den Beiträgen Raum, von ihrer Arbeit zu erzählen, von den Bedingungen, die Einfluss auf ihr Engagement nehmen, und von dem, was sie motiviert, sich in diesen Prozess einzubringen. Ihnen gilt besonderer Dank.