Kochen mit Liebe

Der Kinder- und Familientisch in St. Gertrud

Der CSE als Träger initiierte das spendenfinanzierte Projekt „FliZ“ (Familien leben im Zentrum) bereits vor elf Jahren in Quartieren in Essen, in denen er weitere Unterstützungsangebote vorhält und somit über Kenntnisse über die sozialraumbezogenen Spezifika, die dort lebenden Familien und die vorhandenen Strukturen verfügt. Darüber wurde der Bedarf vieler nach einem gemeinsamen Essen sowie nach gesunden leckeren Gerichten, die man auch im eigenen Zuhause gut nachkochen kann, entdeckt. In Schulen ihren Anfang genommen, wuchs die Idee, dieses Angebot auch in anderen Einrichtungen zu etablieren. Die Sozialwissenschaftlerin Silke Michl, die beim CSE hauptamtlich angestellte Leiterin des Angebots, nutzte die vorhandenen Strukturen und Netzwerke im Nordviertel und stellte ihr Format in der Stadtteilkonferenz vor. Der hiesige Diakon erkannte das Potential für seine Kirche und stellte die Räumlichkeiten im Gertrudisturm bereit. Sie hat uns dorthin eingeladen, um mit uns über ihre Arbeit zu sprechen. Ziel des Angebots ist nicht nur die alltagstaugliche Vermittlung und gemeinsame Gestaltung einer ausgewogenen Ernährung, sondern den Teilnehmer*innen auch die Integration von Bewegung und Entspannung im Alltag näher zu bringen.

„Das Bunte, das Herzliche, das tut allen Seiten gut – sowohl den Helfenden als auch den Besuchern.“

Die Auseinandersetzung mit einer gesunden Lebensweise und den Aspekten, die dazugehören, sollen Spaß machen. Auf den Zeigefinger wird hier ganz bewusst verzichtet. Auch den Charakter einer Suppenküche sucht man hier vergeblich. Bedürftigkeit oder andere Gründe derjenigen, die das Angebot nutzen, werden nicht abgefragt, das würde die Offenheit des Angebots einschränken und nicht zu dem Ansatz der Menschen, die hier arbeiten und sich engagieren, passen.

 

Die Kinder haben als Teilnehmer*innen Priorität, betont sie, kommen können aber auch alle anderen: Eltern, Verwandte und Einzelpersonen.

Das Spektrum der oft regelmäßigen Besucher*innen ist breit, das ist gewünscht und spricht für das Angebot. Damit das Essen hier und in Kray an insgesamt drei Wochentagen auf den Tisch kommen kann, braucht es starke Sponsoren und ehrenamtliche Unterstützer*innen. Durch deren Engagement und finanzkräftige Spender*innen ist die Vorhaltung des Angebots in St. Gertrud nun bereits seit einigen Jahren möglich. Die gegenseitige Wertschätzung sei das Besondere hier, erklärt Silke Michl und beschreibt die familiäre Situation im Turm. „Das ist ein buntes Treiben, eine offene Gemeinschaft, man weiß nicht, was einen erwartet.“ Angesichts dieses Anspruchs an professionelle Flexibilität wirkt sie jedoch nicht im Mindesten angestrengt, sondern gelassen und freundlich. Das Agieren auf Augenhöhe als wesentlicher Aspekt im Miteinander vertritt sie sehr authentisch. „Das Bunte, das Herzliche, das tut allen Seiten gut – sowohl den Helfenden als auch den Besuchern.“

 

Die von Wärme und Herzlichkeit geprägte Haltung der Haupt- und Ehrenamtlichen, die Silke Michl beschreibt, ist spürbar. Dass hier jeder willkommen ist, merken auch wir, als wir zu Besuch kommen.

Das tut gut

Alle sitzen gemeinsam am gedeckten Tisch bei gesundem Essen.

Wir können direkt mitmachen, helfen, den Tisch zu decken und die Nahrungsmittel vorzubereiten – und wir dürfen mitessen. Er koche mit Liebe, sagt der Koch Ernst Wacker. Wir nehmen uns noch eine Portion gratinierten Spargel und glauben ihm sofort. Bekannt wie ein bunter Hund rund um den Turm steht und fällt das Angebot auch mit seiner Bereitschaft und der seiner ehrenamtlichen Kolleg*innen, dreimal die Woche eine gesunde Mahlzeit für viele Nutzer*innen zuzubereiten. Zu den notwendigen Kompetenzen gehören daher eine hohe Einsatzbereitschaft und kulinarische Kreativität.

 

Er habe hier viel gelernt, sagt er und lacht. Aus welchen Zutaten er etwas zaubern muss, erfährt er immer erst morgens, wenn die Tafel Essen e.V. die Lebensmittel für die Kirche anliefert. Hier kann er sich das Passende aussuchen, woraus dann später das große Buffet für die kleinen und großen Besucher*innen entsteht. Er sei kein Typ, der Zuhause rumsitzt, erzählt er, deshalb hat sich der gelernte Hotelkaufmann nach dem Ende seiner hauptberuflichen Tätigkeit an die Ehrenamt Agentur gewandt und ist so zum Familientisch gekommen Hier habe es ihm auf Anhieb gefallen. Auch ihm scheint die Flexibilität, die angesichts der Unklarheit, wer und wie viele am jeweiligen Tag kommen und welche Nahrungsmittel zur Verfügung stehen, eher eine spannende Herausforderung als ein Problem. Seine beiden Unterstützer*innen an diesem Tag machen ebenfalls kein großes Aufheben darum, dass sie sich mehrere Stunden in der Woche für das Angebot engagieren. Jeweils durch Bekannte darauf aufmerksam geworden, mache es ihnen einfach Spaß, erklären sie. Wer mitmachen möchte, kann sich bei der Ehrenamt Agentur Essen oder einfach im Turm melden. Auch hier wird Wert auf einen niederschwelligen Zugang gelegt.

 

Neben dem freiwilligen Engagement bedarf es jedoch der ergänzenden Unterstützung und Struktur durch hauptamtliche Ansprechpartner wie dem Diakon. Seitens der Mitwirkenden vor Ort besteht Dankbarkeit, dass sich jemand um die Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel eine gut ausgestattete Küche, kümmert. Wenn Herr Rottenecker persönlich eine neue Pfanne vorbeibringt und einen Teller mitisst, entstehen Verbundenheit und freundschaftliche Kollegialität.

Wenn Herr Rottenecker persönlich eine neue Pfanne vorbeibringt und einen Teller mitisst, entstehen Verbundenheit und freundschaftliche Kollegialität.

Neben der gemeinsamen Mahlzeit gehören zu einem erfüllten Lebensalltag noch weitere Aspekte, die hier Berücksichtigung finden. Die Schule oder angespannte Situationen im Elternhaus können auch schon Kindern und jungen Menschen Stress bereiten. Eine Möglichkeit, diese Widrigkeiten zu bewältigen, bietet das an den Familientisch angegliederte Yoga-Angebot. Dafür engagiert sich die Yogalehrerin Marya Masculli. Ihr ist es ein Anliegen, mit Hilfe der ganzheitlichen Yoga-Philosophie den Raum zu schaffen, „Gesundheit auf allen Ebenen zu entwickeln“. Das geht weit über den sportlichen Aspekt hinaus und so leistet sie im Bedarfsfall Beratung zu den unterschiedlichsten Anliegen.

 

Sicherlich steht das liebevoll zubereitete Essen im Vordergrund, aber, wie es bei vielen der hier vorgestellten Projekte der Fall ist, erschöpft sich das Angebot nicht in der gesunden Ernährung, über die man hier viel lernen kann.

 

Die Teilnahme kann für manche auch bedeuten, professionelle Unterstützung für unterschiedliche Problemlagen zu beanspruchen, weil durch sie die Hemmschwelle gesunken und vielleicht erstmals ein positiver Kontakt zum Hilfesystem entstanden ist.

Oder sie bildet den Einstieg in ein Ehrenamt in der Gemeinde, weil man gern kommt und etwas beitragen möchte. Es kann aber auch eine Möglichkeit sein, den eigenen Körper anders und ganzheitlich zu erfahren – das zum Tisch dazugehörige Yoga-Angebot bietet dieses Potential. Für manche Kinder wiederum bedeutet es eine lebensweltliche Insel, in der sie zur Ruhe kommen und ihre Hausaufgaben machen können. Das Essen ist da nur die Krönung.