Integrationschancen eröffnen und Ankommen ermöglichen

Die Integrations- und Arbeitsmarktkonferenzen als erfolgreiche Kooperationsformate im Quartier

Migration und Flucht haben seit den Zuwanderungsbewegungen 2015 Bundes- und Landespolitik beschäftigt und insbesondere Kommunen zum Handeln gezwungen, denn – mittlerweile ‚geflügeltes Wort‘ – Integration findet vor Ort statt.

Auch im Ruhrgebiet haben Menschen Zuflucht gefunden. Vorerst durch den sogenannten Königsteiner Schlüssel bundesweit verteilt, bietet der Westen in Nordrhein-Westfalen vielen neu Zugezogenen aufgrund des günstigen Wohnraums Möglichkeiten auch dauerhaft zu bleiben, wenn der Aufenthaltstitel dies erlaubt. Diese Region verfügt historisch bedingt über starke integrative Kompetenzen, vermeintliche „Wellen“ der Migration haben ihre Bewohner*innen in der Vergangenheit bereits gemeistert. In den Vierteln und Stadtteilen leisten die Menschen die Integration, über die Politiker*innen streiten und Medien geballt berichten, hier finden Annäherungen zwischen Hinzugezogenen und Alteingesessenen statt. Das passiert im Treppenhaus, beim Bäcker, in den Schulen und im Schwimmbad – überall dort, wo Menschen leben. Von Politiker*innen mal als Chance, mal als Katastrophe definiert, erleben auch die Bewohner*innen im Nordviertel die Situation ambivalent. Neben Zweifler*innen gibt es eine Vielzahl Menschen, die mit großem Engagement eine Willkommenskultur geschaffen haben. Viertel wie das Nordviertel können mit Zuwanderung umgehen, wenn dafür strukturelle Ressourcen und Unterstützungsnetzwerke bereitgestellt werden. Die Essener Infrastruktur wurde vor diesem Hintergrund um Personal und Maßnahmen für ein gelungenes Miteinander und für die neuen Bürger*innen ergänzt. Dafür wurde ein Strategiekonzept für Integration erarbeitet und vom Rat der Stadt Essen verabschiedet. Mit eigens von der Stadt eingerichteten Stabsstellen für die diesbezüglichen Fachkräfte sollen zielgerichtete Angebote aufgebaut, Akteure besser vernetzt und Zugänge in Regelstrukturen eröffnet werden.

Auf Bezirksebene wurden in diesem Kontext 2017 erste Integrationskonferenzen initiiert, um mit Fachkräften, Ehrenamtlichen, Geflüchteten und interessierten Bürger*innen zusammen zu diskutieren: Wie kann die durch die Zuzüge veränderte Situation gemeinsam gemeistert werden, welche Unterstützungen gibt es und was bewegt die Menschen in diesem Zusammenhang?

Für das Nordviertel, das hier vorgestellte Dorf, ist Halil Yaman zuständig, mit dem die Stabsstelle für den Bezirk I besetzt ist. Er gestaltete diese Veranstaltung in Kooperation mit einem Kompetenzteam bestehend aus Vertreter*innen unterschiedlicher städtischer Institutionen, freier Träger sowie dem ISSAB, das alle integrationsrelevanten Themen wie Arbeit, Wohnen, Schule etc. bearbeitet. Moderiert wurde die Konferenz von Gabi Wittekopf, der zuständigen Stadtteilmoderatorin. Als Örtlichkeit bot sich St. Gertrud an, hier haben viele Menschen Platz und die Kirche hat sich längst den Ruf erarbeitet, offen für derartige Veranstaltungen zu sein.

 

An der hohen Zahl gemischter Teilnehmer*innen lässt sich der Erfolg der gemeinsamen Kooperationsarbeit aus den vergangenen Jahren ablesen.

Die zugewanderten Menschen sind dankbar um Unterstützungs- und Beratungsangebote, sie möchten jedoch vor allem selbstständig ihren Lebensunterhalt verdienen und ihre Familien ernähren können.

Häufig werden diese Formate überwiegend von Menschen genutzt, die sich beruflich mit den dortigen Themen befassen. Manchmal kommt nur eine kleine Zahl Bürger*innen und oftmals stellt sich den Veranstalter*innen die Frage, wie man diejenigen, die man erreichen möchte, tatsächlich erreichen kann. Der Einladung zu der hiesigen Konferenz folgten hingegen 140 Menschen, darunter viele Geflüchtete und zahlreiche Vertreter*innen aus der Zivilgesellschaft.

 

Um allen zu ermöglichen, an der Diskussion teilzuhaben, wurden eigens Sprachmittler des Übersetzungsdienstes „Sprint“ engagiert, Gespräche waren daher auch in Englisch, Französisch, Arabisch, Kurdisch, Farsi und Dari möglich.

Auch eine Kinderbetreuung war eingerichtet. Das Thema Integration bewegt also die Menschen im Nordviertel, es zeigt sich aber auch, dass die niederschwellige akzeptierende Arbeit der lokalen Akteure aus St. Gertrud und weiteren Beteiligten aus dem Quartiermanagement Früchte trägt. Menschen fühlen sich angesprochen, trauen sich, ihre Meinungen und Sorgen zu äußern und wollen das Miteinander vor Ort gestalten. Der Aufbau der Veranstaltung war lebendig, es gab verschiedene Möglichkeiten, sich in die Diskussion einzubringen. Themen und Anliegen wurden gesammelt und dem Team um Halil Yaman zur weiteren Bearbeitung übergeben, das daraufhin Lücken im (Integrations-)System identifizieren und ggf. Abhilfe schaffen kann. Weitere Konferenzen finden im regelmäßigen Turnus statt.

 

Als ein Kernelement auf dem Weg zu gelingender Integration wird von Geflüchteten selbst ebenso wie von Politik und Gesellschaft der Erwerb von Arbeit beschrieben. Es ist die Dimension, die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und (im günstigen Fall) die Unabhängigkeit vom Transferleistungssystem bedeutet. Im Zuge der Arbeit mit Geflüchteten im Quartier wurde deutlich, dass dieser Thematik verstärkt Aufmerksamkeit gewidmet werden sollte. Die zugewanderten Menschen sind dankbar um Unterstützungs- und Beratungsangebote, sie möchten jedoch vor allem selbstständig ihren Lebensunterhalt verdienen und ihre Familien ernähren können. Zudem verfügen sie sehr oft über abgeschlossene Ausbildungen oder einen Hochschulabschluss, die sie in ihren Heimatländern erworben haben, hier aber nur schwerlich anerkannt werden. Vor diesem Hintergrund entstand die Idee einer ganzen Veranstaltungsreihe in St. Gertrud, die Ausbildung und Arbeit mit jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten in den Vordergrund stellt. Eine Konferenz war dementsprechend der unmittelbaren Vermittlung in Arbeit gewidmet.

 

Über die unterschiedlichen Netzwerke gelang es, diverse ortsansässige Unternehmer*innen zu gewinnen, die Arbeitsstellen zu vergeben haben; auf Seiten der Menschen mit Zuwanderungsgeschichte war der Zulauf dementsprechend groß und die Veranstaltung ein voller Erfolg.

Frauen stehen auch heute noch häufiger als Männer vor einer komplexen Gemengelage an Anforderungen, oftmals geht es um mehr als den Erwerb einer Arbeitsstelle.

Dass geflüchtete Frauen im Migrationsgeschehen eine Sonderrolle einnehmen, teils noch größeren Belastungen ausgesetzt waren und sind und zudem weiterhin verstärkt in familiäre Verpflichtungen eingebunden sind, war Anlass, eine eigene Veranstaltung nur für ihre Bedarfe rund um das Thema Arbeit zu initiieren. Frauen stehen auch heute noch häufiger als Männer vor einer komplexen Gemengelage an Anforderungen, oftmals geht es um mehr als den Erwerb einer Arbeitsstelle. Ein spezielles Forum erschien daher passend. So fand in St. Gertrud im Sommer 2019 ein eigens für sie gestaltetes Format statt. Mit beteiligt waren 17 Beratungs- und Weiterbildungsträger aus Essen, darunter die PCG Project Consult GmbH mit der bei ihr angesiedelten IQ Ruhr, das Bildungsbüro der Stadt Essen oder die Jugendberufshilfe Essen gGmbH. Kostenlos konnten professionelle Bewerbungsfotos gemacht, Tätigkeiten aus für Frauen immer noch ungewöhnlichen Berufssparten ausprobiert und Informationen zur Anerkennung von im Ausland erworbenen Berufsabschlüssen gewonnen werden.

 

Etwa 200 Frauen sind im Laufe des Nachmittags gekommen, um sich beraten zu lassen und Möglichkeiten für die eigene berufliche Entwicklung zu entdecken.

Aufmerksam geworden sind sie über die verschiedenen Zugänge, die die Akteure im Nordviertel nutzen. Teilweise geschieht das über Facebook, über die Kontakte zu Vertreter*innen des Jobcenters, über die verschiedenen Gruppen in St. Gertrud oder über die Stadtteilarbeit. Im Gespräch mit den Teilnehmer*innen vor Ort wird deutlich, wie die Frauen sich zwischen Energie, Engagement und Frust bezogen auf die Arbeitsmarktsituation bewegen. Sie erzählen von 1000 Stunden zu leistenden Praktika, um eine Anerkennung für ihre bereits abgeschlossene Ausbildung als medizinisch-technische Assistentin zu erwerben.

 

Sie haben weltweite Erfahrungen als Köchin und scheitern in Deutschland an den vermeintlich mangelnden Sprachkenntnissen.

Auf Englisch berichtet die Betroffene, sie wolle schließlich kochen, Sprachkenntnisse seien da doch weniger relevant. Bürokratische Gegenargumente sind schwer nachvollziehbar, ihr Wille, einen Arbeitsplatz zu bekommen spürbar. Dass die Veranstaltung auf die Bedürfnisse von Frauen ausgerichtet war, kam gut an. Die Mitarbeiterin einer Frauenberatungsstelle beschreibt, dass ihre spezifischen Anforderungen und Sorgen in einem geschützten Format besser wahrgenommen und kreative Lösungen gefunden werden können.

Unterkriegen lassen die Frauen sich dabei nicht. Der Wunsch nach einer angemessen bezahlten Erwerbstätigkeit, nach Anerkennung und danach, ihr Können und ihre Talente zu entfalten, ist viel zu groß – sie dabei zu begleiten und Hürden auf dem Weg in den ersten Arbeitsmarkt abzubauen, indem u. a. kontinuierlich der Dialog mit den Unternehmen vor Ort gesucht wird, ein lohnendes Investment in Integration und Zukunft eines Quartiers.

Zuhören und mitreden

Im Nordviertel sind alle gleichwertige Gesprächspartner.