Grenzen überwinden

Die afghanischen Frauen- und Männergruppen

Kirche kann heute eine wesentliche Rolle spielen, Menschen die Integration in Deutschland zu ermöglichen, Alteingesessene und Zugezogene auch mit anderen kulturellen und religiösen Hintergründen zusammenzubringen, sie zu begleiten und eine beteiligungsorientierte Willkommenskultur zu pflegen.

Kommt man rund um St. Gertrud mit Menschen ins Gespräch darüber, was ihnen für Begrifflichkeiten zum Nordviertel einfallen, so umschreiben viele den Stadtteil mit „bunt“. Ein Beispiel dafür, wie sich dieses Bunte tatsächlich darstellt, sind die Treffen der afghanischen Frauen- und Männergruppen in St. Gertrud. Hier werden Vielfalt und ein Miteinander der Kulturen regelmäßig gelebt. Auf verschiedene Weise hat man in diesem Zusammenhang Gelegenheit, eigene Annahmen, vielleicht auch Vorurteile zu überprüfen.

 

Das Gemeindeleben rund um den Gertrudisturm ist auch ein Abbild gesellschaftlicher Pluralität. Deutschland ist längst Einwanderungsland, insbesondere 2015 sind viele Menschen vor Krieg und Gewalt geflohen und haben auch in Deutschland Schutz gesucht. Das birgt Chancen wie Herausforderungen, auch für gesellschaftliche Institutionen und Instanzen – und für die katholische Kirche. Ihre interkulturelle Öffnung wird aus vielerlei Gründen immer bedeutsamer. Ältere Gemeindemitglieder berichten, dass vor 40 Jahren schon ein Austausch zwischen Katholik*innen und Protestant*innen undenkbar war, mindestens eine unsichtbare Mauer hat bestanden. Diese Grenzziehung wurde schon vor längerer Zeit aufgeweicht. Kirche kann heute darüber hinaus eine wesentliche Rolle spielen, Menschen die Integration in Deutschland zu ermöglichen, Alteingesessene und Zugezogene auch mit anderen kulturellen und religiösen Hintergründen zusammenzubringen, sie zu begleiten und eine beteiligungsorientierte Willkommenskultur zu pflegen.

„Interkulturelle Öffnung ist eine notwendige Reaktion auf die gewachsene Vielfalt in unserer Einwanderungsgesellschaft im Hinblick auf die ethnische Herkunft, auf religiöse und weltanschauliche Überzeugungen, auf soziale Zugehörigkeiten und auf kulturelle Formen der Lebensgestaltung.“ (Werkbuch für interkulturelle Öffnung 2015; S. 3)

St. Gertrud setzt diese Öffnung um; Bilder typischer Gemeindemitglieder, die man möglicherweise im Kopf hat, müssen neu gemalt werden. Viele Gruppierungen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen nutzen die Räumlichkeiten der Kirche. So kommen seit einigen Jahren auch afghanische Gruppen, um sich zu treffen, sich zu bilden und Kontakt zu Deutschen zu suchen. Wir haben die Gelegenheit, mit Monira Wali, der Leiterin der afghanischen Frauengruppe zu sprechen. Im Gespräch mit der charmanten, gebildeten Frau erfahren wir, dass die Gruppe sich auch trifft, um z. B. miteinander zu kochen oder Handarbeiten zu machen.

 

In erster Linie aber verfolgt Monira Wali andere Ziele. Ihr ist die Stärkung der afghanischen Frauen wichtig, mithin ihre Integration in die deutsche Gesellschaft.

Sie wünscht sich, mit der Gruppe positiven Einfluss nehmen zu können auf die psychische und physische Gesundheit der Frauen. Hier bietet sich die Chance, gemeinsam Probleme zu lösen, Stress abzubauen und größeres Heimweh zu verhindern. Sie brauchen Zeit, erklärt sie. Afghanische Frauen waren und sind starkem Druck ausgesetzt, sowohl in ihrem Heimatland als auch in Deutschland. Das Gespräch mit Monira Wali ruft auch die eigenen Freiheiten, die uns in Deutschland Lebenden so oft selbstverständlich erscheinen, ins Bewusstsein, sie wurden hier bereits früher erkämpft. Man wird dankbar und demütig.

 

Um den Frauen zu ihren Rechten zu verhelfen, hat sie großen Mut bewiesen und in Afghanistan die Organisation WIDE gegründet – Women Initiative of Delevelopment and Education.

Auch wenn sie privat, wie viele Geflüchtete in Deutschland, mit unterschiedlichen Herausforderungen kämpft, beispielsweise ihre Ausbildung als Optikerin anerkannt zu bekommen, setzt sie sich weiter mit großem Engagement ein. Die anderen Gruppenmitglieder kennt sie aus dem Deutschkurs; die Frauen leben alle in Essen und sind zwischen 20 und 50 Jahre alt. Gemeinsam haben sie bereits einen Empowermentkurs besucht und sie hat eine Psychologin zur Beratung in die Gruppe eingeladen. Kontakt auch zu deutschen Frauen zu initiieren, findet sie sehr wichtig. „Natürlich sprechen wir in der Gruppe Deutsch miteinander“ erzählt sie lächelnd mit charmantem Akzent, aber „nach zwei Minuten sind wir fertig mit unserem Deutsch, dann unterhalten wir uns wieder in unserer Sprache.“ Spracherwerb ist also ein wesentliches Ziel. Um eine umfassende Integration für sich selbst und die anderen Gruppenmitglieder zu erreichen, ist sie mit vielen Menschen in Kontakt und errichtet ein Netzwerk, mit dem sie die Frauen weiter unterstützen kann. Ob es für sie als Muslima seltsam ist, sich in einer katholischen Kirche zu treffen, fragen wir, aber das verneint sie. Es geht ihr um die Menschen, nicht um die Religion. Einen Zukunftswunsch hat sie dennoch. Für die 7.000 in Essen lebenden Afghanen wünscht sie sich ein eigenes Haus, keine Moschee, in dem sie ihre Kultur, nicht ihre Religion pflegen können.

 

Wir lernen auch eine der Frauen kennen, die seit drei Jahren in Deutschland lebt und ebenfalls über bemerkenswerte Sprachkenntnisse verfügt. Die junge Mutter kommt, wann immer ihre knappe Zeit das zulässt, gern zu dem Gruppenangebot. Sie strahlt, wenn sie von einem gemeinsamen Ausflug nach Köln erzählt.

 

Die Gruppentreffen bedeuten kleine Fluchten aus dem Alltag, Freiraum für eine kurze Zeit. Hier kann sie über alles sprechen, was sie bewegt.

einfach nur dazugehören

Afghanische Jugendliche spielen beim Fußballturnier mit.

Auch ihr ist ihre Bildung wichtig; sobald ihr jüngstes Kind größer geworden ist, will sie ihre Deutschkenntnisse weiter verbessern und eine Ausbildung machen. Ähnlich wie Monira Wali wünscht sie sich vermehrt Kontakt auch zu deutschen Frauen. Die Gespräche mit den beiden Frauen vermitteln ein anderes Bild als das häufig gezeichnete in den Medien oder auch in den Köpfen. Hier kämpfen Frauen, die schwierigen Bedingungen entkommen sind, um Bildung und Integration.

 

St. Gertrud stellt an dieser Stelle zum einen die Räumlichkeiten, zum anderen ist sie wichtiges Bindeglied, um anderen die Möglichkeit zu geben, mit unterschiedlichen Menschen und ihren Geschichten in Kontakt zu kommen. Sie haben viel zu erzählen.

 

Während die Frauen vieles im Gespräch klären und den Austausch über die Themen des Alltags oder etwa der Kindererziehung schätzen, möchten die Männer vor allem etwas tun. Zu ihrem Selbstverständnis gehört es, dass Männer Aufgaben haben, die sie mit ihren kräftigen Händen und ihrem Sachverstand erledigen. Aber in Deutschland werden die afghanischen Ausbildungen und Abschlüsse nur selten anerkannt. Die Männer haben zuerst keine Arbeitserlaubnis. Und wenn die Arbeitserlaubnis da ist, finden sie keine Arbeit. Zudem treffen die Männer auf eine Gesellschaft, die grundsätzlich anders ist als die, in der sie aufgewachsen sind und erzogen wurden. So erzählen sie sich hinter vorgehaltener Hand diesen Witz:

 

„Wie ist die Rangfolge in der deutschen Gesellschaft? Erst kommt die Frau, dann kommt der Hund, dann kommt der Mann.“

Same Latifi trifft sich jeden Samstag mit Männern aus Afghanistan in den Räumen von St. Gertrud. Gemeinsam besprechen sie, wie sie im Alltag in Deutschland zurechtkommen und wie sie Arbeit finden können. Same hilft den anderen mit den Formularen und begleitet sie bei Ämtergängen. In der Pfarrei St. Gertrud sind die Männer stets gern gesehen, weil sie immer ansprechbar sind, wenn irgendwo Hilfe gebraucht wird: Für die Fronleichnamsprozession müssen Fahnen aufgehängt werden, für das Gemeinde- oder ein Nachbarschaftsfest sollen Bänke aufgestellt werden, eine ältere Dame zieht ins Seniorenstift und muss ihre Wohnung leer räumen, eine alleinerziehende Mutter hat Möbel gestiftet bekommen und braucht Hilfe beim Aufbau …

 

Die afghanischen Gruppen sind eine echte Bereicherung für die Gemeinde und für den Stadtteil.