Die Brücke

Ein internationaler Frauenchor

Seit drei Jahren macht bei Veranstaltungen und Festen rund um St. Gertrud, das Nordviertel und mittlerweile über Stadtteilgrenzen hinaus ein internationaler Frauenchor von sich reden – Die Brücke.

Er besteht aus etwa 20 zwischen 20 und 50 Jahre alten Frauen, unter ihnen überwiegend Geflüchtete, aber auch Deutsche nehmen teil. Wichtige Person bei der Begleitung und Etablierung ist die Chorleiterin Dr. Lesley Olson und mit ihr der Vorsitzende des zugehörigen Vereins Grenzenlos e.V., Prof. Dr. Klaus Kost. Durch den Verein werden Einnahmen und Spenden gebündelt und beispielsweise eingesetzt für die professionelle Begleitung durch weitere Musiker*innen. Klaus Kost ist zudem Geschäftsführer der PCG Project Consult GmbH und kann seine weitreichenden Kontakte nutzen, um mit den Frauen jenseits ihrer Tätigkeiten im Chor berufliche Perspektiven zu entwickeln.

 

Die beiden, Lesley Olson und Klaus Kost, schätzen, respektieren und ergänzen sich in ihrem Engagement für Die Brücke, das wird schnell deutlich im gemeinsamen Gespräch. Sie erzählen von ihren Beweggründen, sich hier zu engagieren, und lassen uns teilhaben, was die Arbeit mit den Frauen so besonders macht.

 

Lesley Olson, vor nunmehr 30 Jahren aus den USA immigriert, will Menschen mit Musik in Kontakt bringen, sie greifbar machen. Musik berührt, aber eine Form der Präsentation zu finden, mit der man sie auf einer tieferen Ebene versteht, sie in Erinnerung behält, ist ihr ein Anliegen. Mittlerweile ist sie in Essen auf vielfältige Weise aktiv, arbeitet mit der Philharmonie, der Universität Folkwang, mit der Stiftung Zollverein und für den Fachbereich Schule der Stadt Essen. Und sie investiert ihre Zeit in die Begleitung des Chores, eine Umschreibung, mit der kaum deutlich wird, wie viel Arbeit sich dahinter verbirgt. Chorarbeit, erzählt sie, war ihr trotz ihrer vielfältigen Erfahrungen zuerst fremd, aber sie war schnell überzeugt, dass diese Arbeit sich lohnt, und hat sich der Herausforderung gestellt – „Es ist mir sehr schnell ans Herz gewachsen, es macht so viel Spaß und es ist eine dankbare Arbeit.“

Klaus Kost ist hingegen in die Vereinsstruktur von Grenzenlos e.V. eingebunden und hat mittlerweile den Vorsitz übernommen. „Vereine leiden oft an einer zu dünnen Infrastrukturdecke und da kann ich durch meinen beruflichen Hintergrund einiges übernehmen“, sagt er. Immer nur von Werten reden ist ihm fremd, er will sie leben. Auch er beschreibt lebhaft, dass ihm die Tätigkeiten viel Spaß machen.

 

Lesley Olson erzählt uns die Entstehungsgeschichte ‚ihres‘ Chores. In 2015 waren viele Geflüchtete im Nordviertel in der Tiegelschule untergebracht. Nach oft monatelangen Fluchterfahrungen stellte sich die Situation vor Ort für viele als problematisch dar. Noch in der Großunterkunft hat sich daher ein Frauenforum gegründet, Frauen erhielten einen geschützten Raum für sich. Hier zeigte sich, dass Musik ein wiederkehrendes Thema darstellt und gemeinsames Singen vielen geholfen hat, ihre Situation zu bewältigen. Die Chorgründung nahm ihren Lauf, wohl wissend, dass Chorarbeit in vielen Herkunftsländern der Frauen wenig etabliert und eine systematisch arbeitende Chorlandschaft wie in Deutschland dort nicht verbreitet ist. Später zog der Chor für die Proben in die Räumlichkeiten von St. Gertrud. Mit Hilfe von Frau Olson gelang mehr und mehr eine Professionalisierung. Heute sind die Stimmen der Frauen konzertreif ausgebildet und es häufen sich die Anfragen nach Auftritten. Der Chor hat mehr als 30 Lieder in seinem Repertoire. Gesungen wird auf Arabisch, Farsi, Kurdisch, Deutsch und Englisch. Dabei geht es um ganz Unterschiedliches – Freiheit, Heimat und Freundschaft.

 

Und es gelingt den Frauen, die Menschen zu berühren, etwa wenn am Ende das ganze Publikum aufsteht und sich an den Händen hält. Hierin liegt viel Gefühl, aber kein Kitsch.

Was für Lesley Olson als rein ehrenamtliche Tätigkeit begann, wird heute bezahlt, wenn auch angesichts des Engagements der Chorleiterin eher in Form einer kleinen Anerkennung, so Klaus Kost. Mit Hilfe auch der Partner*innen aus dem Netzwerk des Nordviertels werden Anträge zur Finanzierung an verschiedene Stiftungs- und Landesorganisationen gestellt. Unterstützung erfolgt anfangs durch den Sozialfonds des Bistums Essen, später auch durch die Bezirksregierung, durch Fördermittel aus der Sozialen Stadt und dem Landesprogramm Brückenklang. Auch die gesellschaftlichen Kontakte von Herrn Kost sind hilfreich und verschaffen den Frauen Auftritte über die Grenzen von NRW hinaus, etwa auf einem Gewerkschaftstreffen in Coburg. Es schwingt viel Leidenschaft und Wärme mit, wenn der Geografieprofessor von der Reise und den Erlebnissen mit den Frauen, von deren Lebendigkeit oder Anekdoten erzählt, beispielsweise wenn alte Arbeitslieder kurzerhand uminterpretiert werden müssen, damit sie zu den Frauen passen.

Auch für die Sängerinnen selbst sind diese Ausflüge und Auftritte ein Highlight. Eine junge Teilnehmerin, die vor drei Jahren aus Afghanistan gekommen ist, erzählt, wie viel sie daraus mitnimmt und daran wächst. Ihre Begeisterung ist ihr anzumerken, wenn sie in fließendem Deutsch berichtet, wie viel Freude ihr die Mitgliedschaft im Chor macht und die Arbeit mit Lesley Olson bedeutet. Ihr zollt sie immer wieder Anerkennung, sie nimmt die Arbeit wahr, die damit verbunden ist – z. B. mit den Herausforderungen, Gesang zu unterrichten und Auftritte zu proben, wenn so viele Muttersprachen und Kulturen zu vereinen sind. Die Aufregung, die es bedeutet, vor fremden Menschen aufzutreten, hat sie im Griff, hier hilft die Gruppe, erzählt die junge Frau. Diese trägt viel, „das Zusammensein mit den Mädels“ ist ein wichtiger Baustein. Daneben möchte sie jedoch einiges erreichen, besucht derzeit das Berufskolleg in Essen und will danach unbedingt Abitur machen. Ihr Leben ist nun in Deutschland, erzählt sie, dafür ist sie dankbar, auch oder gerade weil es sich von dem Aufwachsen in ihrem Heimatland unterscheidet. Es bleibt, ihr dafür alles erdenklich Gute zu wünschen.

 

Was der Chor sein will und kann, ist Gegenstand einer intensiven Debatte gewesen. Heute steht fest, er soll kein Selbstzweck sein. Viel mehr dient die musikalische Arbeit der Integration und der Stärkung von Frauen, die eine Sonderrolle unter den Geflüchteten haben.

Der Chor hat mehr als 30 Lieder in seinem Repertoire

Gesungen wird auf Arabisch, Farsi, Kurdisch, Deutsch und Englisch. Dabei geht es um ganz Unterschiedliches – Freiheit, Heimat und Freundschaft.

Die Fluktuation ist hoch, manche der Frauen heiraten und brechen ihre Teilnahme ab, manchmal ist der Druck von Seiten der Familie zu groß.

Allein zu schaffen ist das nicht. Auch Die Brücke profitiert von dem etablierten Netzwerk des Stadtteils. Für Lesley Olson sind das ISSAB als universitäres Institut sowie die Beteiligten von St. Gertrud wichtige Partner*innen in der Arbeit: „Das ISSAB ist sehr hilfreich, die Beteiligten haben uns gerade zu Beginn wahnsinnig geholfen, Türen geöffnet und Kontakte vermittelt. Wenn ich eine Frage habe, gehe ich bis heute dahin. Und St. Gertrud, die haben die unglaubliche Kompetenz, sehr viele Menschen zusammenzubringen. Und sie verfügen mit der Kirche über einen Ort, an dem die Menschen sich wohlfühlen und Zuhause sind, darin ist die Gemeinde sehr stark.“ Klaus Kost hingegen wünscht sich ein stärkeres Interesse seitens der Landesregierung, die die Arbeit des Chores würdigt und eine dauerhafte Finanzierung ermöglicht.

 

Die Arbeit im Chor verändert die Frauen, das ist beabsichtigt. Mit den Auftritten werden Selbstwert und Selbstbewusstsein gestärkt, das ist Teil eines dazugehörigen Trainings.

Wie man sich gelungen präsentiert, ist auch jenseits der Bühne im Alltag wichtig. Und seine Stimme zu erheben macht stark. Für die Frauen bedeuten die Arbeit im Chor, die Auftritte und Reisen auch eine Abkehr von ihrem Familienalltag, einen kleinen Ausbruch aus einer oft stark reglementierten Welt – nicht nur für die Jüngeren, gerade die älteren Chormitglieder sind verstärkt eingebunden in traditionelle Familienstrukturen. Das erschwert zuweilen die Arbeit. Die Fluktuation ist hoch, manche der Frauen heiraten und brechen ihre Teilnahme ab, manchmal ist der Druck von Seiten der Familie zu groß. Bruchlinien in den Lebensentwürfen gehören dazu. Eine Hinwendung zu einem freiheitlicheren Leben ist oftmals zu beobachten, z. B. zu einem Studium oder der Entscheidung für eine spätere Familiengründung. Aber dann dominieren gewachsene Kulturen oder die Liebe. Im Chor besteht eine Gesprächskultur, durch die sich über solche Themen ausgetauscht werden kann.

 

Die Frauen erkennen den Wert von Bildung, die Älteren wünschen sich, dass ihre Töchter mehr erreichen und nehmen dafür große Opfer in der eigenen Biografie in Kauf, etwa die Annahme prekärer Jobs, um damit die Bleibeperspektive zu erhöhen. Insgesamt haben viele hohe Ambitionen, wollen sich in Deutschland etablieren und es auch beruflich weit bringen, Abitur machen oder eine Ausbildung beginnen. Dennoch ringen sie sich Zeit ab und kommen zu den Proben, weil sie das dazugehörige Gemeinschaftsgefühl spüren und die Möglichkeit sehen, sich als Gruppe weiterzuentwickeln, erzählt Lesley Olson. In manchen Fällen bedauert sie, aus ihrer Sicht nicht über hinreichend Beratungs- oder Unterstützungskompetenzen zu verfügen. Klaus Kost weist daher auf die Grenzen eines Chorprojekts hin: „Man kann das ohnehin nicht verordnen, aber man kann hoffen, dass Frauen diesen Konflikt selber führen können. Wir können nur Impulse geben. Und durch Formate wie die Arbeitsmarktkonferenz (vgl. Beitrag S. 40) werden über die Zahl der Frauen auch die dahinter stehenden Familien erreicht“.

 

Inhaltlich wird die Arbeit in der Zukunft erweitert, die Frauen wollen künftig eigene Texte schreiben – mitunter auch, um traumatische Erlebnisse zu bewältigen. Vor allem aber möchten sie darüber schreiben, was sie sich für ihre Zukunft wünschen.

Neue Lebensgefühle sind ein wichtiges Thema, erzählt Olson, die Frauen blicken nach vorn. So sind der Kontakt und die Arbeit mit ihnen manchmal Balanceakt. Die Verletzungen und Bedürfnisse der Frauen bewegen die Chorleiterin. Sie weiß um den Wert des Sich-Zeit-Nehmens und -Gebens, damit die Betroffenen eine Chance haben, ihre Erlebnisse zu verarbeiten. Das beschreibt sie als wesentlich: „Daran müssen wir arbeiten, ihnen neue Hoffnung zu geben und sie gefestigt in einem neuen Leben ankommen zu lassen.“ Gleichzeitig stellt Klaus Kost klar: „Wir betreuen nicht, wir haben es mit gleichberechtigten Menschen zu tun.“ Das Handeln auf Augenhöhe hat Priorität. Und es gewinnen alle Seiten.

 

„Mein Leitbild ist das Prinzip der offenen Gesellschaft, Menschen wertzuschätzen“, erklärt Kost und möchte verstanden werden als „radikaler Humanist“.

Er hat viel gelernt im Kontakt mit den Frauen, ist in ihm bis dahin gänzlich fremde Welten eingetaucht. Die persönliche Beziehung rückt Annahmen zurecht, was die mediale Berichterstattung so nicht vermag. Lesley Olson möchte besonders den interkulturellen Aspekt der gemeinsamen Arbeit betonen – „Menschen aus verschiedenen Ländern kommen in diesem Zusammenhang zusammen und berichten über ihr Ankommen in Deutschland, aber sie bringen auch etwas aus ihrer jeweiligen Heimat mit. Das Geben und Nehmen auf allen Seiten ist so wichtig, das macht uns als Chor zu einer eigensinnigen kulturellen Erscheinung. Unsere Gruppe ist sehr bunt mit ganz unterschiedlichen Hintergründen. Diesen Zusammenhalt zu bewahren ist die große Aufgabe von uns, von unserer Gesellschaft insgesamt. Der Chor leistet einen kleinen Beitrag.“ Klaus Kost erhofft sich darüber hinaus auch einen gesellschaftspolitischen Impuls, eine andere Wahrnehmung etwa von Migrant*innen und Geflüchteten in der Öffentlichkeit, in der oft nur über Probleme oder Einzeltäter berichtet wird. Er formuliert damit einen politischen Anspruch, der weit über den Chor hinausgeht.