Der lange weg zur gemeinsamen Lösung

Entwicklungsprozesse zwischen Widerstand und Dialogbereitschaft

Lebendige und kontinuierliche Diskussionen mit allen Beteiligten führen zu langfristigen Lösungen.

Viele der vorliegenden Beiträge weisen auf erfolgreiche Aktivitäten, Veranstaltungen und Formate hin, die mittlerweile entweder etabliert oder bereits abgeschlossen sind. Hier sind Zuständigkeiten verhandelt und die wesentlichen Diskussionspunkte geklärt, konnten haupt- oder ehrenamtliches Personal gefunden und anfängliche Wogen geglättet werden. Die Bespielung eines Bauwagens mit Aktivitäten für Kinder, die Überführung eines erfolgreichen Projekts in eine Regelfinanzierung oder die hochwertige Sanierung eines Gebäudes markieren jedoch selten den endgültigen Abschluss gelungener Quartierentwicklung, sondern lediglich, dass an einer Stelle im Viertel für eine Zeit Ruhe einkehrt.

 

Bis es bei anstehenden Projekten soweit ist, dass die wichtigsten Punkte abgesprochen sind, Bürger*innen ihrem Ärger Luft machen und gemeinsam tragfähige Lösungen entwickelt werden konnten, ist es zuweilen ein weiter Weg. Welche Ansprüche an Bürger*innen und Akteure des Quartiermanagements mit der Entwicklung des Quartiers verbunden sind, wird im Nordviertel aktuell an zwei Orten deutlich, an denen viel Reibungsfläche entstanden ist, für die die Planung zur Aufwertung noch laufen und für die noch keine für die Mehrheit zufriedenstellende Lösung gefunden werden konnte.

 

Die Gestaltung des Ostermannplatzes fordert den Beteiligten derzeit einiges an Herstellung von Transparenz, Kompromiss- und Verhandlungsbereitschaft sowie Geduld ab.

Anlass für die Auseinandersetzung ist die von Seiten der Eigentümerin Vonovia vorgesehene Nutzung eines zentralen Platzes im Nordviertel. Der Platz, auf dem eine Spielfläche, ein eingezäunter Bolzplatz und ein kleiner Kiosk zu finden sind, ist geprägt von altem Baumbestand. Bänke laden zum Verweilen ein, der Platz wird von Anwohner*innen gemocht und ausgiebig genutzt. Es gab eine große Beteiligungsveranstaltung für die geplante Umgestaltung des benachbarten Eltingplatzes und der angrenzenden Eltingstraße – eine sogenannte „Urbane Intervention“ (s. hierzu das Expertinnengespräch auf S. 68) – bei der sich die vor Ort lebenden Menschen mit ihren Ideen für das Viertel einbringen konnten. Dabei ergab sich ein sehr heterogenes Bild an Nutzungswünschen für die Platzfläche. Der Ostermannplatz war allerdings nicht Bestandteil des städtebaulichen Wettbewerbs, weil er sich nicht in städtischem Eigentum befand. Das hat für erste Skepsis bei den Bewohner*innen gesorgt.

 

Die Bürgerinitiative zum Erhalt des Ostermannplatzes hat zu einer Bürgerinformation vor Ort eingeladen. Im Rahmen dieser Veranstaltung wurden die Anwohner*innen im Detail von verschiedenen Fachleuten darüber informiert, dass für diesen Platz vorgesehen ist, eine neue Kita zu bauen, die wesentliche Veränderungen des Erscheinungsbildes der Platzfläche mitbringen würde. Die Bäume würden gefällt, die öffentliche Nutzung des Platzes würde der Vergangenheit angehören und somit ein wesentlicher Begegnungsraum zerstört.

Gleichzeitig ist das Nordviertel ein junges, buntes, aber auch einkommensschwaches Viertel. Um das Potential zu entfalten, das die Jüngsten mitbringen, ist unbestreitbar eine infrastrukturelle Unterstützung – auch in Form ausreichend vorgehaltener Kita-Plätze vor Ort – unabdingbar, räumliche Kapazitäten im dicht bebauten Quartier sind jedoch rar.

Bei den an einer Entscheidungsfindung Beteiligten handelt es sich um Vonovia, die große Bestände im Nordviertel gekauft hat und hier nun baulich, aber auch sozial in den Kontakt mit dem Quartiersmanagement investiert.

 

Der Platz ist in ihrem Eigentum, die Stadt hat diesen ihrerseits von ihr gepachtet. Auf Initiative des Nordviertler Bewohnerstammtisches haben Vonovia und die Stadt Essen zu einer Informationsveranstaltung eingeladen. Vertreter*innen aller Positionen, etwa eine Mitarbeiterin des Jugendamtes im Themenfeld der Kitabedarfsplanung, die mit Berechnungen die Notwendigkeit einer Kindertagesstätte belegen konnte, oder Beteiligte von Vonovia waren vor Ort. Hier zeigte sich bereits, dass auch die Bewohner*innen keine einheitliche Meinung haben, wie der Platz am besten genutzt werden kann.

 

Mit Erstarken der Diskussion haben sich zudem politische Akteure unterschiedlicher Lager eingebracht und streiten nun mit. Im Mittelpunkt der Debatte steht die Frage um mögliche Alternativstandorte, an denen sich der Kitabau ohne derartige räumliche Einschnitte realisieren lässt. In dieser Gemengenlage ist eine aktive Bewohnerschaft nicht zu unterschätzen, die ihrerseits großes Interesse an dem Erhalt des Platzes hat und dabei keinesfalls eine einheitliche Meinung vertritt, was eine Unterstützung durch Akteure des Quartiermanagements erschwert. Vor diesem Hintergrund hat die Bürgerinitiative zum Erhalt des Ostermannplatzes eigenständig eine weitere große Veranstaltung organisiert, zu der sie alle relevanten Beteiligten geladen hat, um die Situation umfassend zu erörtern. Mit dabei waren u.a. bundes- und landespolitische Vertreter*innen sowie Mitarbeiter*innen der freien Träger. Städtische Vertreter*innen haben nicht teilgenommen und auf diese Weise das Potential verschenkt, mit den Bürger*innen vor Ort zu diskutieren. Sie sahen zu diesem Zeitpunkt keine Möglichkeit, sich zu der weiteren Nutzung zu positionieren. Dies hat für Unverständnis bei den Bürger*innen gesorgt.

Weder gegen den Bau von Kindergärten in einem durch Kinderarmut charakterisierten Stadtteil, noch gegen den Erhalt alten Baumbestands und Aufenthaltsmöglichkeiten im öffentlichen Raum sind angesichts des Klimawandels ernstzunehmende Aussagen zu finden. Der Vorteil der Debatte im Nordviertel ist, dass es hier nicht Gegner*innen gibt, sondern Partner*innen mit gleichberechtigten Argumenten. Am Ostermannplatz steht jedoch ein sinnhaftes Vorhaben einem anderen gegenüber. Das macht die Entwicklung zäh und langwierig.

 

Die Stadtteilmoderation im Rahmen des Quartiermanagements kann den Konflikt an dieser Stelle noch nicht auflösen.

 

Die Pfarrei St. Gertrud als Kirche im Dorf mischt sich bei aller Neutralität in die Debatte ein, bietet Raum für Diskussion und stärkt die Argumente der vermeintlich Schwachen.

Alle Akteure können auf diese Weise Transparenz bezüglich der Planungsergebnisse herstellen und Bürger*innen mit ihren unterschiedlichen Sichtweisen jeweils Gehör verschaffen, um auf diese Weise einen möglichst fairen Prozess zu gewährleisten.

 

Auch rund um die Unterführung an der Altenessener Straße, dem Tor zum Eltingviertel, ringt eine Reihe Beteiligter um die Art und den Zeitpunkt der baulichen Veränderung. Zudem stellt sich die komplexe rechtliche Situation den Bürger*innen als unübersichtlich dar.

 

Diskussionsgrund ist eine stark verschmutzte Unterführung, die den Eingang in das Quartier markiert. Angrenzend befindet sich ein Parkplatz, der trotz diverser Maßnahmen verschiedener Ämter und engagierter Bürger*innen in regelmäßigen Abständen zur Müllhalde verkommt.

Neben der mangelnden Ästhetik stellt dieser Bereich durch die daraus resultierende Rattenproblematik sowie liegengebliebenes Spritzbesteck der dort häufig anzutreffenden Drogenszene ein gewisses Gesundheitsrisiko dar und beunruhigt vorübergehende Passant*innen.

 

Längst hat die Stadt entschieden, dass die Notwendigkeit zur Veränderung besteht, wenn man die städtebauliche Entwicklung des Viertels ernsthaft voranbringen will. Es sind mehrere Machbarkeitsstudien in Auftrag gegeben worden, die einen offenen attraktiven Übergang von der nördlichen Innenstadt ins Nordviertel mit Entwicklung von Wohn- und Gewerbeflächen fokussieren und mit denen die Aufenthaltsqualität und das Sicherheitsempfinden deutlich gesteigert werden können. Die Verantwortlichen sind in stetigen Verhandlungen mit den Eigentümer*innen der Trasse. Die planerische Vorbereitung einer solchen Maßnahme ist jedoch sehr aufwendig und im Stadtteil nicht leicht zu vermitteln. Eigentümer des Areals ist noch die Deutsche Bahn AG. Die Gleise auf der Trasse, unter der die Unterführung liegt, sind derzeit noch in Betrieb, werden von Evonik genutzt und müssen aus der Bahnnutzung entlassen werden. Es sind verschiedene Ämter der Stadt Essen und die Politik an der Abstimmung beteiligt. Langfristig ist vorgesehen, die Trasse zu nutzen, um hierüber den geplanten und teilweise im Bau begriffenen Radschnellweg durch das gesamte Ruhrgebiet zu führen.

 

In der Bürgerschaft wird dies als unübersichtliche Kulisse wahrgenommen.

 

Eine der größten Herausforderungen liegt im Zeitempfinden der Bürger*innen, das hier heftig mit Fristen und Zeitkontingenten für Planungs- und Bauvorhaben kollidiert.

Die subjektive Dringlichkeit, die sie wegen der akuten Müllproblematik erleben, lässt sich nicht durch politische Bekenntnisse aufheben, dass hier tatsächlich viel im Argen liegt, was jedoch erst in der Zukunft angegangen wird. Warum vom Eingeständnis – hier muss etwas getan werden – bis zum Spatenstich – es geht endlich los – so viele Monate verstreichen, ist für die Bürger*innen vor Ort kaum nachvollziehbar und die Gründe dafür so komplex, dass sie nur schwer zu vermitteln sind. Selbst bei einem positiven – für das Areal rund um die Unterführung bestehenden Beschluss für eine Neugestaltung, bedeutet das für die Anwohner*innen, dass sie bis zum Beginn der Baumaßnahme gefühlt noch etwa 2.000 mal eine Unterführung passieren müssen, die ihnen Unbehagen, auch Angst und Ekel bereitet. Manche intervenieren daher auf ihre eigene Weise. Eine ältere, aber sehr agile Anwohnerin, die seit Jahrzehnten im Viertel ihre Heimat hat, will sich nicht damit zufriedengeben, dass es keine Handhabe geben soll, ein zugekotetes, seit Monaten unberührtes, von Tauben jedoch als Nistplatz erkorenes Automobil zu entfernen und den Besitzer zu belangen. Ihre Wut ist spür- und auch nachvollziehbar. Mit Hartnäckigkeit und Biss hat sie sich durch die relevanten Paragrafen gearbeitet und will es ganz genau wissen, „auch bis zum Oberbürgermeister gehe ich“ erklärt sie, und wenn das tägliche Besuche im Rathaus bedeutet. Wie die alte Dame das letztlich durchgesetzt hat, bleibt ihr Geheimnis, aber sie hat es geschafft, das Auto ist verschwunden, ein Ärgernis behoben.

 

Eine Neugestaltung der Unterführung kann aus städtischer Sicht in diesem Projektstadium nicht mehr sinnvoll sein.

Gruppierungen im Stadtteil sind mittlerweile bereit, die temporäre Verschönerung der Unterführung mittels künstlerischer Gestaltung selbst in die Hand zu nehmen. Die Förderung des Bürgerschaftlichen Engagements, das im Programm Soziale Stadt als hohes Ziel formuliert wird, wurde an dieser Stelle aus förderrechtlichen Gründen abgelehnt. Es würde zu Irritationen führen, Verwirrung hervorrufen, wenn man einerseits versucht, eine Beschleunigung des Planungsprozesses zu erreichen und andererseits gleichzeitig Maßnahmen vor Ort ergreift, die das Gelände temporär verschönern. Der Vefügungsfonds, der im Rahmen der Förderung über Soziale Stadt finanzielle Mittel für Aktivitäten und bürgergetragene Projekte bereithält, kann nur genutzt werden, wenn daraus ein langjähriger Nutzen entsteht. Das wäre hier entlang der jetzigen Planungen nicht gegeben.

 

Die Akzeptanz von Kontroversen, das Aushalten temporären Stillstands, wiederkehrende Diskussionen, all das gehört zu einem lebendigen Quartier dazu. Investiert werden muss in diesem Kontext in einen kontinuierlichen Dialog. Die Stadt Essen, das ISSAB und die Pfarrei sind starke und geduldige Akteure, die Plattformen und Möglichkeiten dafür finden, die mitunter heterogenen Perspektiven der Bürger*innen zusammen zu bringen und stadtplanerische Vorhaben und Stadtteilentwicklung dabei als dauerhaften Aushandlungsprozess verstehen.