„Als würde man ein steinchen Ins wasser werfen“

Potenziale und Herausforderungen der Stadtteilentwicklung

04.04.2019, 15 Uhr, St. Gertrud, Sitzungssaal, Beginn des Expertengesprächs

Die Ruhe und Abgeschiedenheit, die für ein Interview von Vorteil sind, stehen in einem großen Gegensatz zu dem bunten Leben rund um den Gertrudisturm, wo sich auch heute Menschen aller Nationen und Religionen mit den unterschiedlichsten Anliegen einfinden. Diakon Winfried Rottenecker, Stadtplanerin Ingrid Ratay sowie Erziehungswissenschaftlerin Gabi Wittekopf, die alle drei im und für das Nordviertel zuständig sind, sitzen an einem Tisch. Die Atmosphäre ist kollegial und es wird viel gelacht. Das ist weniger Selbstverständlichkeit als Ergebnis einer gewachsenen Kooperationsbeziehung mit einem gemeinsamen Ziel.

Ingrid
Ratay

Gabi
Wittekopf

Winfried
Rotten­ecker

Bitte stellen Sie sich doch kurz mit Ihren Funktionen vor.

 

Winfried Rottenecker:

 

Mein Name ist Winfried Rottenecker. Ich bin Diakon der Pfarrei St. Gertrud in der Essener Innenstadt. Das lateinische Wort mit der gleichen Bedeutung heißt Minister, der ist nicht der Chef, aber er hat seine Zuständigkeitsbereiche. Ich bin sozusagen in der Kirche der Minister für die Ausgegrenzten, Benachteiligten und Armen und seit 2008 in St. Gertrud.

 

Gabi Wittekopf:

 

Ich heiße Gabi Wittekopf. Ich arbeite an der Universität Duisburg Essen im ISSAB (Institut für Stadteilentwicklung, Sozialraumorientierte Arbeit und Beratung) und bin im Nordviertel zuständig als Stadtteilmoderatorin. Ich bin ausgebildete Erziehungswissenschaftlerin und Supervisorin. In dem Institut war ich über Jahre als Beraterin zu den Themen „Sozialraum- und Ressourcenorientierung“ in Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe tätig.

 

Ingrid Ratay:

 

Mein Name ist Ingrid Ratay. Ich bin bei der Stadt Essen im Amt für Stadterneuerung und Bodenmanagement als Teamleiterin Stadtteilentwicklung unter anderem für das Nordviertel zuständig. Als Stadtplanerin ist es meine Aufgabe, Städtebaufördermittel aus dem Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“ für Projekte zu akquirieren, die den Stadtteil stabilisieren.

 

Dazu ist es wichtig, im Stadtteil unterwegs zu sein, um mit den Menschen zu sprechen und Erkenntnisse zu Bedarfen vor Ort zu bekommen. Das ist die Grundlage dafür, integrierte Entwicklungskonzepte mit geeigneten Maßnahmen zu entwickeln, Förderanträge zu schreiben und die Umsetzung der Projekte vor Ort zu begleiten.

 

Sie alle sind ausgewiesene Expert*innen für das Nordviertel und gleichzeitig füreinander wesentliche Kooperationspartner*innen. Interessant ist daher, welche Bezüge Sie ins Quartier haben?

 

Rottenecker:

 

Ich bin 2008 in das Viertel gekommen, als es dabei war, immer weiter ‚den Bach runterzugehen‘. Ich bin auf viele sehr engagierte Leute gestoßen, die hier tätig sind, zum Beispiel im Kindergarten, in der Schule oder im Jugendamt. Jeder war nur noch dabei, für sich zu rudern, soweit es ging, aber eigentlich war der Absturz schon erkennbar. Da habe ich mir gesagt, ich möchte das nicht, dass jeder für sich alleine weiter in diesem Strudel schwimmt, und habe alle Beteiligten hier an diesen Tisch gerufen. Das war 2011.

 

Dieses Treffen bedeutete den Startschuss, dass wir gesagt haben, wir wollen jetzt gemeinsam darangehen, das Viertel wieder auf Vordermann zu bringen. Und das Erste, was wir gemeinsam gemacht haben, war dieses Plakat zu den Regeln „Cool bleiben – fair streiten“. Dieses Plakat hing im ganzen Viertel, in der Polizei, in Schulen und in den Geschäften und den Kirchen, als Zeichen ‚Wir sind gemeinsam unterwegs und wir wollen gemeinsam für den Stadtteil etwas bewegen‘. Und aus dieser Initiative heraus haben wir daran mitgearbeitet, dass das Nordviertel Fördergebiet „Soziale Stadt“ geworden ist.

 

Ratay:

 

Ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit als Gebietsbeauftragte für das Stadtteilprojekt „Altenessen-Süd/Nordviertel“ ist es, mit den Akteuren und den Bewohnerinnen und Bewohnern der Stadtteile ins Gespräch zu kommen und Bürgerengagement zu mobilisieren. Ziel ist es, die Identifikation der lokalen Akteure, der ortsansässigen Unternehmer*innen und der Bevölkerung mit ihrem Stadtteil zu verbessern. Dadurch wird die Bereitschaft geweckt, sich für den eigenen Stadtteil zu engagieren. Das ist ein großes Potenzial. Bei der Konzeptfortschreibung im letzten Jahr haben wir die Vorschläge aus den Stadtteilen im Rahmen von Workshops abgefragt. Daraus wurden dann geeignete Maßnahmen entwickelt.

Wittekopf:

 

In der Beschreibung von Frau Ratay wirken Gebietsbeauftragte und Stadtteilmoderation im Doppelpack. Als Stadtteilmoderatorin habe ich zum einen die Aufgabe, im Stadtteil Beteiligung der Bewohner*innen zu geplanten Themen und Maßnahmen im Handlungskonzept zu organisieren. Zum anderen pflege ich vor Ort den Kontakt zu den Menschen, um deren stadtteilrelevante Themen mitzubekommen und sie zur Eigeninitiative anzuregen.

 

Ratay:

 

Genau, das ist das sogenannte „Essener Modell des Quartiermanagements“, das aus diesen drei Säulen besteht. Also wir drei, die wir hier sitzen, bilden genau diesen Dreiklang. Herr Rottenecker, der zusätzlich zum Jugendamt der Stadt Essen ein Beispiel der Stadtteilarbeit ist, Frau Wittekopf als Stadtteilmoderatorin und ich als Gebietsbeauftragte. Diese drei Ebenen wirken zusammen, um Projekte vor Ort umzusetzen.

 

Vielleicht haben Sie ja ein Beispiel, an dem man die Arbeits- und Wirkweisen der drei unterschiedlichen Ebenen erkennen und dieses Modell veranschaulichen kann?

 

Wittekopf:

 

Ein Beispiel dafür ist das Projekt im Nordpark. Im Handlungskonzept war bereits festgelegt, dass der Nordpark umgestaltet werden soll. Die Aufenthalts- und Nutzungsqualität sollte durch die Beteiligung der Bewohner*innen attraktiver gestaltet werden. Im ersten Schritt der Planung durch Grün und Gruga (der Fachbereich 67 der Stadt Essen, der für die Pflege, Entwicklung und Planung der kommunalen Grünanalagen zuständig ist) und den Landschaftsplanern gab es ein großes Beteiligungsverfahren im Park. Dort haben wir mit einem Zirkuszelt gestanden und an verschiedenen Tagen und zu unterschiedlichen Tageszeiten mit Menschen gesprochen und an vorbereiteten Tischen deren Anregungen protokolliert, Diskussionen untereinander festgehalten und das Gelände am Model möblieren lassen. Institutionen als Experten haben ihre Zielgruppen auf die Beteiligung aufmerksam gemacht und im Zuge der Planung mit ihrem zielgruppenspezifischen Blick beraten. Die Aktionen zur Bürgerbeteiligung, die anschließenden Expertenrunden und die Präsentation der Planung in unterschiedlichen Bürgerforen wurden von der Gebietsbeauftragten und der Stadtteilmoderation zusammen organisiert und im Rahmen der Stadtteilarbeit in Gremien und Gemeinden transportiert und erläutert.

 

Die Umgestaltung des 1. Abschnitts des Parks kann sich sehen lassen. Er wird von unterschiedlichen Gruppierungen genutzt. Die am Park liegende Schule benennt die Umgestaltung als Gewinn für die Schulgemeinde.

 

Rottenecker:

 

Ich habe als Beispiel die Bürgerbefragung in Erinnerung, die Sie, Frau Wittekopf, gemacht haben. Wir haben eine Unzufriedenheit bei den Anwohnern erlebt, bei der es vor allem um den Parkplatz an der Kleinen Stoppenberger Straße ging. Wir haben uns mit allen Interessierten im Pinguin [eine Einrichtung der Jugendhilfe gGmbH, Anm. der Red.] zusammengesetzt. Das haben Sie organisiert. Auch ich habe versucht, möglichst viele an dieser Veranstaltung teilnehmen zu lassen und ein vernünftiges Gespräch zustande zu bringen. Da ist Kirche als Multiplikator sehr hilfreich. Daraus ist eine regelmäßige Bürgersprechstunde entstanden.

 

Wittekopf:

 

Es gab damals die Absprache mit der Stadt, dass das Konzept ‚Sicheres Altenessen’ [ein anderer Stadtteil von Essen, der ebenfalls Fördergebiet der Sozialen Stadt ist, Anm. der Redaktion] auf das Nordviertel übertragen werden soll. Zur Umsetzung hat man einen Kollegen von dort eingeladen, gemeinsam ähnliche Gremienstrukturen im Nordviertel aufzubauen. Hier sollte zum Thema Sicherheit aus Sicht der Bürger*innen gearbeitet werden. Daraus entstand die Arbeitsstruktur „Kleine Runde Perspektive Nordviertel“ und „Große Runde Perspektive Nordviertel“.

 

Ratay:

 

Ein anderes Beispiel für unsere gute Zusammenarbeit im Quartiermanagement ist die sogenannte Urbane Intervention, die wir im Jahr 2016 im Nordviertel im Bereich Eltingplatz/Eltingstraße durchgeführt haben. Das ist das „Herzstück“ des Eltingviertels, das umgestaltet werden soll. Im Rahmen der Urbanen Intervention – gemeinsam organisiert mit der Stadtteilmoderation – haben wir ein urbanes Wohnzimmer mit Mobiliar auf die Straße gebracht und die Leute eingeladen, aus ihren Häusern zu kommen und mit uns zu diskutieren, wie der Bereich später einmal aussehen könnte. Das war ein recht aufwändiges Bürgerbeteiligungsformat, welches bei größeren Maßnahmen wie dieser eine gute Wirkung erzielt, weil es sehr konkret ist.

Herr Rottenecker, was für eine Rolle haben Sie im Zuge dieser Aktivitäten?

 

Rottenecker:

 

Bei diesem Planungstreffen für den Eltingplatz war ich mit dabei. Das fand ich total spannend, weil ich so etwas vorher noch nie erlebt hatte. Das hat mir Spaß gemacht. Ich konnte die Perspektive der Familien aus dem Stadtteil mit einbringen. Zumindest meinte ich, dass das meine Aufgabe sei.

 

Ratay:

 

Die Stadt hat dann nach dieser sogenannten „Urbanen Intervention“ einen Realisierungswettbewerb für die Neugestaltung der Platz- und Straßenbereiche durchgeführt. Herr Rottenecker und Frau Wittekopf waren Teil der Jury für den Wettbewerb, weil es wichtig ist, dass nicht nur Landschaftsplaner, Architekten und Stadtplaner Mitglied der Jury sind, die diese Entwürfe aus fachlicher Sicht beurteilen können, sondern auch Menschen aus dem Stadtteil, die andere Professionen mitbringen und dadurch die Entwürfe aus einem anderen Blickwinkel betrachten.

 

Wittekopf:

 

Bei dem Verfahren waren wir als Sachkundige aus dem Stadtteil dabei. Bei der Bewertung der präsentierten Entwürfe haben wir die Anregungen aus der Beteiligungsaktion eingebracht und an den Plänen mit den Planungsfachleuten diskutiert. Zudem erreichen wir durch unsere persönliche Präsenz vor Ort ganz unterschiedliche Menschen im Stadtteil. Wenn Herr Rottenecker sich durch den Stadtteil bewegt, hat er viel Kontakt. Und durch seine Akzeptanz und das Miteinander-Sprechen aktiviert er ganz einfach die Leute, doch teilzunehmen und teilzuhaben an solchen Aktivitäten. Wenn ich zu ihm sage, „Herr Rottenecker, da ist morgen eine Bewohnerversammlung, sprechen Sie doch mal“, dann ist das, als würde man ein Steinchen ins Wasser werfen. Er spricht und die Menschen kommen. Umgekehrt funktioniert das genauso. Das ist Netzwerken im Stadtteil mit dem Ziel, viele Menschen für die Einflussnahme bei der Entwicklung ihres Stadtteils zu gewinnen, dass sie mitmachen und mitmischen bei den Prozessen im Stadtteil.

 

Ratay:

 

In den Stadtteilen haben wir verschiedene Gremien, die zusammenarbeiten. Zum Beispiel die Lenkungsgruppe „Altenessen-Süd/Nordviertel“, die sich in etwa alle drei Monate trifft. In dieser Lenkungsgruppe sind die drei Ebenen des Quartiermanagements vertreten, Institutionen aus den Stadtteilen und die Bezirksvertretung. Hier werden Förderthemen und Projekte, die in anderen Fachbereichen oder im Stadtteil gerade diskutiert werden, eingebracht. So gibt es einen guten Austausch und die Ergebnisse werden wieder in den Stadtteil gebracht. Andersherum werden Inhalte aus den Stadtteilen besprochen und gemeinsam nach Lösungen für Probleme gesucht. So bringen wir das dann alles zusammen. Auch diese Broschüre wird durch die Lenkungsgruppe mitfinanziert.

 

Rottenecker:

 

Der Vorteil bei der Sache ist, ich bin Teil des Systems, aber ich bin nicht notwendig für das System. Das ist mir immer wieder ganz wichtig. Ich habe zwischendurch auch die Freiheit, mal ein bisschen Sand ins Getriebe zu schmeißen oder mal eine andere Perspektive mit einzubringen oder nachzuschauen, ob wir auch wirklich noch mit allen unterwegs sind, um zu prüfen, ob nicht ein paar hinten runtergefallen sind. Also ich erinnere mich auch an manche Sachen, wo alle ganz begeistert waren, aber ich plötzlich dagegen geschrien habe. Zum Beispiel, als alle möglichen Leute gesagt haben, das Nordviertel wird jetzt schön und toll und wird renoviert und so weiter. Da habe ich gesagt, passt auf, dass ihr alle Leute mitnehmt und nicht ganze Familien verloren gehen.

Ich will ganz gerne nochmal zu diesen Beteiligungsgeschichten zurückgehen, weil das ja das ist, was in diesem gesamten Soziale-Stadt-Kontext bedeutsam ist. Wie schaffen wir es, dass Menschen sich angesprochen fühlen, teilnehmen, teilnehmen wollen?

 

Rottenecker:

 

Soll ich anfangen?

 

Wittekopf:

 

Ja, Butter bei die Fische!

 

Rottenecker:

 

Mein Anfang war, dass ich durch den Stadtteil gelaufen bin und versucht habe, ein Gespür dafür zu bekommen, was den Leuten auf den Nägeln brennt. Das erste Problem, mit dem ich konfrontiert wurde, war der Analphabetismus vor allem der afrikanischen Frauen. Fast jedes Gespräch im Zusammenhang von Taufe oder Erstkommunion war sofort ein Caritasgespräch beziehungsweise ein Hilfsgespräch. Ich habe sofort gemerkt, die Leute werden über den Tisch gezogen, weil sie nicht lesen und schreiben können. Ich musste zwei Jahre lang kämpfen, um eine Caritas-Mitarbeiterin zu bekommen, die mir dabei geholfen hat, Sprachkurse zu installieren. Also Zuhören – ja, aber auch Ressourcen haben. Mit den Räumlichkeiten in St. Gertrud und mit der Mitarbeiterin zusammen hatten wir die Möglichkeit, tatsächlich auf die Anliegen der Menschen zu reagieren.

Wittekopf:

 

Meine Aufgabe ist es ja, die Menschen bei der (auch geförderten) Entwicklung des Stadtteils mitzunehmen und deren Sichtweisen kennenzulernen. Sie sind die Expert*innen ihrer Lebenswelten. Wenn ich Menschen erreichen und zum Mitmachen bewegen will, muss ich ihnen zuhören und ihre subjektiven Sichten verstehen. Menschen engagieren sich da, wo sie betroffen sind. Herauszufinden, was interessiert den Menschen wirklich, wo will er etwas tun, darum geht es. Es geht nicht um Bewertung von misslichen Lagen der Menschen, es geht um Ressourcen, die Menschen mitbringen, und darum, diese auch für eine „gute“ Nachbarschaft zu mobilisieren.

 

Wichtig ist: Was will der Mensch, was kann der Mensch selber machen, wo braucht er Unterstützung und wo findet sich diese Unterstützung. Dabei bin ich behilflich. Meinungen, Sichtweisen und Einschätzungen der Menschen im Stadtteil sind nicht einstimmig, sondern oft unterschiedlich bis entgegengesetzt. Als intermediäre Instanz sitze ich oft zwischen den Stühlen. Ich moderiere themen- und anlassbezogen unterschiedliche Gruppen im Stadtteil, Bewohner*nnen mit Institutionen, Politik und Verwaltung mit dem Ziel, mehr Klarheit zu schaffen, gemeinsame Nenner zu finden und Absprachen zu treffen. Die geordneten Lebenswelten Verwaltung und Politik unterscheiden sich oft deutlich von dem „Chaossystem Stadtteil“. Und es braucht manchmal mehr als eine Runde, um den anderen zu verstehen.

 

Rottenecker:

 

Ich weiß noch genau, bei den ersten Gesprächen war es für Sie überraschend, dass das System Kirche sich öffnet und tatsächlich einfach die Tür aufmacht und bereit ist, erstmal Leute reinkommen zu lassen, diese dann wirken und machen zu lassen und dann zu gucken, was daraus entsteht. Also, mir hat das Spaß gemacht, solche Vorurteile ein wenig abzubauen.

 

Ratay:

 

Die ursprüngliche Frage war ja, wie erreicht man, dass die Menschen sich an Aktionen beteiligen. In der Städtebauförderung „Soziale Stadt“ ist die Bürgerbeteiligung ein ganz wichtiger Aspekt, weil es um benachteiligte Quartiere geht und dort eine besonders niederschwellige Aktivierung notwendig ist. Wir arbeiten sehr gut zusammen, um diese Aktivierung zu bewerben. Dafür ist die Pressearbeit, die Öffentlichkeitsarbeit wichtig. Aber auch die Kontakte, die über Gabi Wittekopf in den Stadtteil bestehen, also auch die persönliche Ansprache von Menschen in bestimmten Arbeitskreisen oder Treffen ist sehr wichtig. Da zeigt sich, dass die Städtebauförderung alleine von der Verwaltungsseite nicht wirken kann, sondern, dass es den Stadtteilbezug braucht, um die Menschen dort wirklich zu erreichen.

Ich weiß, dass Sie das teils kontrovers diskutieren, ich würde daher gerne von Ihnen noch einmal die Argumente hören, die dafür, aber auch dagegen sprechen können, dass ein Stadtteil Fördergebiet des Programms wird.

 

Ratay:

 

Aus Fördersicht muss man sagen, nach Essen fließen Städtebaufördermittel in erheblichem Umfang, um so beispielsweise eine oben geschilderte Platzumgestaltung tatsächlich durchführen zu können. Die Stadt Essen könnte solche Projekte wie die Umgestaltung des Nordparks oder des Eltingplatzes ohne diese finanzielle Unterstützung über das Bund-Länder-Förderprogramm nicht stemmen. Außerdem ist das ressortübergreifende Arbeiten, das heißt das Zusammenspiel von Verwaltung, Politik und den Akteuren im Stadtteil, ein Grundsatz der „Sozialen Stadt“. Dieser Handlungsansatz bündelt die vorhandenen Ressourcen und gewährleistet ein koordiniertes gemeinsames Arbeiten.

 

Darüber hinaus gibt es den Verfügungsfonds, mit dem die Möglichkeit besteht, über die „Soziale Stadt“ bürgergetragene Projekte zu fördern. Hier können Anträge gestellt werden, um Aktivierungsaktionen im Stadtteil finanzieren zu lassen. Daraus entstehen dann neue Gruppen oder auch längerfristige Kommunikationsstrukturen, die vorher so in der Form nicht da waren.

 

Wittekopf:

 

Zusätzliche Fördermittel für vernachlässigte Stadtteile sind richtig und wichtig. Im Rahmen der Bürgerbeteiligung und der Netzwerkarbeit im Stadtteil werden Lücken gemeinsam benannt und oft gemeinsam Antworten gefunden, die immer wieder Mittel für Material und Honorare benötigen. Nutznießer*innen von Projekten sind froh über das Angebot und sprechen nicht von Stigmatisierung. Der Verfügungsfonds der Sozialen Stadt muss aber den Bewohner*innen zur Verfügung stehen; das heißt, er muss für sie erreichbar sein.

 

Rottenecker:

 

Die Förderung kann aber auch zu einem paradoxen Unternehmen werden. Auf der einen Seite werden gerade so viele Projekte gefördert, die sich gegen die Kinderarmut richten, und gleichzeitig werden durch die Aufwertung des Stadtviertels und durch diese Fördermaßnahmen die kinderreichen Familien aus dem Viertel verdrängt. Viele ziehen weg, weil die Mieten zu teuer werden. Also kann eine gegenläufige Entwicklung entstehen. Dadurch, dass wir Fördergebiet sind, wird der Stadtteil immer schöner, immer besser, immer mehr aufgewertet und dadurch fallen Leute hinten runter, für die wir eigentlich diese soziale Arbeit machen. Und die haben dann keinen Platz mehr. Diese Sorge habe ich. Es gibt bei allen diesen Dingen die juristische Seite und die ist richtig und die ist wichtig; und es gibt bei allen diesen Dingen die menschliche Seite. Das besondere an unserer Dreierkonstellation, um auch darauf wieder zurückzukommen, ist, dass wir alle diese Perspektiven mit einbringen. Dadurch sollte es eine gute Entwicklung sein, dass wir keinen Einzelnen dabei verloren gehen lassen, soweit es geht.

Haben Sie noch ein plastisches Beispiel aus Ihrem Alltag, wo Sie sagen „Da brauche ich jetzt mal die Kompetenz der anderen“?

 

Rottenecker:

 

Ein besonderes Highlight oder eine besondere Herausforderung war natürlich 2015/2016, als wir hier zwei Notunterkünfte hatten. Ende 2014 kamen die ersten Geflüchteten schon hier an und wir waren schon mitten im Thema, noch bevor die deutschen Medien überhaupt davon wussten. Wir haben es geschafft, das zu einem Thema des ganzen Stadtteils zu machen und nicht zu unterscheiden, wer ist jetzt geflüchtet und wer ist Anwohner oder sonst irgendwas. Wir haben es geschafft, gemeinsam die Unwägbarkeiten des Alltags zu meistern.

 

Wir drei zusammen, aber auch der ganze Stadtteil zusammen, weil wir unsere unterschiedlichen Professionen mit eingebracht haben. Wir mussten Mittel zur Verfügung stellen, das musste organisiert werden. Die Stadt musste ganz viel investieren und einbringen. Dabei waren ein großes Maß an Fachwissen und Organisationstalent gefragt und auch der Versuch, hinzuhören, wie es den Leuten geht. Ich meine schon, das haben wir sehr gut hinbekommen, dass wir eben gemeinsam als Nordviertel diese Zeit bestanden haben.

 

Was ich bis jetzt deutlich rausgehört habe, ist ein Erfolgsrezept, dass sie sehr unterschiedliche Perspektiven und Kompetenzen mitbringen, denn wir haben völlig unterschiedliche Professionen hier am Tisch. Aber gibt es auch etwas, von dem Sie sagen, das eint uns?

 

Ratay:

 

Ja. Wir wollen die Stadtteile weiterentwickeln, die Kommunikation und das Miteinander fördern. Eine gute Sache ist es dabei, dass wir die „Kirche im Dorf“ nutzen können, zum Beispiel die Veranstaltungsräume, um Bürgerinnen und Bürger zu Mitmach- und Informationsveranstaltungen einzuladen. Da ist dann auch schon wieder die Verknüpfung zwischen uns Dreien gegeben. Ja ich glaube, das eint uns.

 

Rottenecker:

 

Ich meine auch, wir alle haben den Auftrag, den Stadtteil voranzubringen und wir haben den Auftrag und auch den Willen, das miteinander zu machen. Aber wir schauen definitiv von unterschiedlichen Perspektiven und wir schauen auf unterschiedliche Dinge. Wenn ich auf den Stadtteil schaue, schaue ich auf die Menschen und vor allem auf die Kinder und ich schaue nicht auf die Steine und ich schaue nicht auf das Geld. Geld kommt nach meiner Erfahrung immer von selber. Der Blickwinkel von Frau Ratay ist viel stärker reglementiert, ist viel stärker mit Vorschriften – wie soll ich das sagen – belastet oder gestützt? Das sind ganz andere Strukturen, die da aufeinanderprallen. Aber am Schluss kommt doch das Gemeinsame raus, das ist ja das Spannende.

 

Wittekopf:

 

Also wir haben alle das gleiche Thema im Kopf, auch wenn wir jeweils mit anderer Sprache sprechen. Und ich glaube, was uns ausmacht, ist, dass wir eigentlich ein Bewusstsein dafür haben, dass jeder einen prall gefüllten Rucksack an Hintergrundwissen, an Möglichkeiten zu aktivieren, mitbringt. Also Dinge machbar zu machen. Und dieser Respekt davor, der ist bedeutsam. Frau Ratay hat die Kenntnisse aus der Stadtverwaltung, von Verfahrensabläufen und Zuständigkeiten, mit denen ich mich gar nicht so intensiv beschäftigen will. Herr Rottenecker bringt die katholische Gemeindearbeit gepaart mit seinem Freigeist mit. Das Bewusstsein, gemeinsam mit drei gefüllten „Kenntnis-Rucksäcken“ unterwegs zu sein, das ist echt klasse! Sicher, manchmal sind wir auch genervt voneinander, aber ich finde, wir haben die hochgradige Qualität, unsere Gemeinsamkeiten zu erkennen und für diesen Stadtteil einzusetzen.

Vielen Dank für Ihre Zeit und das Gespräch.